Lingen dicht machen! Knapp 200 Organisationen unterstützen die Lingen-Resolution

Anti-Atomkraft-Initiativen und Umweltverbände haben heute vor der Landespressekonferenz in Hannover anlässlich des fünften Jahrestages der Fukushima-Katastrophe (11. März) ihre Forderung nach der sofortigen Stilllegung aller Atomkraftwerke und Atomanlagen bekräftigt.

Auch hier in Deutschland und in Europa ist die Gefahr einer Atomkatastrophe gegenwärtig, denn viele der Atomreaktoren sind schon 30 Jahre und länger am Netz. Konkret sprachen sich die Organisationen auch für die Stilllegung des AKW Emsland und der Brennelementefabrik in Lingen (Emsland / Niedersachsen) aus. Zur Unterstützung ihrer Forderungen wurde der Text der Lingen-Resolution, in der die Stilllegung des AKW Lingen 2 und der Brennelementefabrik gefordert wird, im niedersächsischen Umweltministerium eingereicht. Unterzeichnet wurde die Resolution bereits von knapp 200 Organisationen aus ganz Niedersachsen und angrenzenden Bundesländern. Die Landesregierung in Hannover ist aufgefordert, für den Schutz der Bevölkerung aktiv zu werden!

Das AKW Emsland (Atomkraftwerk Lingen 2) darf noch bis 2022 weiterlaufen und neuen Atommüll produzieren, für den es keine sichere Entsorgung gibt. Die benachbarte Lingener Brennelementefabrik ist durch eine zeitlich nicht limitierte Betriebsgenehmigung vom Atomausstieg sogar komplett ausgenommen. Sie beliefert u. a. gefährliche Pannenreaktoren in Belgien und Frankreich.

Die Europavorsitzende der IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs/Ärzte in sozialerVerantwortung), Dr. Angelika Claußen, berichtete bei der Pressekonferenz über die konkreten Folgen der japanischen Atomkatastrophe, die noch lange nicht vorbei ist. Nach Angaben des Betreiberkonzerns TEPCO fließen täglich 300 Tonnen radioaktives Wasser ins Meer. Millionen von Menschen wurden und werden seit Beginn der Katastrophe erhöhten Strahlendosen ausgesetzt, vor allem in den Regionen mit relevantem radioaktivem Niederschlag. Mit 115 Neuerkrankungen an Schilddrüsenkrebs bei Kindern in der Präfektur Fukushima und weiteren 50 Verdachtsfällen sind die ersten gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe deutlich sichtbar. Nach Einschätzung der IPPNW sind schwere Atomkatastrophen wie in Japan auch in der Bundesrepublik Deutschland und in Europa wahrscheinlich, insbesondere wenn man die aktuell drohende Laufzeitverlängerung der französischen AKW’s von 40 auf 50 Jahre in Betracht zieht.

„Das Land Niedersachsen ist kürzlich der „Allianz der Regionen für einen europaweiten Atomausstieg“ beigetreten. Umweltminister Wenzel hat sich gegen eine Finanzierung des geplanten AKW Hinkley Point ausgesprochen, mit dem ein weiterer bankrotter französischer Atomkonzern, hier EDF, subventioniert werden soll. Minister Wenzels Worte sind ein guter Anfang, aber was wir viel mehr brauchen, sind Taten. Der Atomausstieg für Deutschland und ganz Europa fängt hier bei uns vor Ort an: Das bedeutet: Der Atomstandort Lingen muss geschlossen werden“, so die Forderung von Dr. Angelika Claußen.

Christina Burchert vom Elternverein Restrisiko Emsland wohnt nur etwa 20 Kilometer entfernt von den Lingener Atomanlagen. Als betroffene Anwohnerin ist es für sie unverständlich, warum die Lingener Brennelementefabrik trotz des beginnenden Atomausstiegs in der Bundesrepublik noch immer über eine unbegrenzte Betriebsgenehmigung verfügt. Heftig kritisiert sie auch die zahlreichen Atomtransporte, die mit dem Betrieb der Fabrik verbunden sind. Selbst belgische Schrottreaktoren werden von Lingen aus mit frischen Brennelementen versorgt.

Christina Burchert betont: „Trotz der vollkommen misslungenen Katastrophenschutzübung 2013 unter dem Namen AKW Moorland und der danach beschlossenen Erweiterung der Evakuierungszonen gibt es in Niedersachsen immer noch keinen aktualisierten Katastrophenschutzplan. Die aktuellen Notfallbroschüren sind im vergangenen Dezember nach 5 Jahren abgelaufen und wurden nicht erneuert. Im Falle eines Unfalls weiß im Moment niemand, wohin er evakuiert würde.“

Ihr Fazit: Beim Atomausstieg wurde Lingen offenbar bewusst vergessen!

Um an die Folgen von Fukushima und auch an die laufenden Atomanlagen in Lingen zu erinnern, ruft der Elternverein Restrisiko Emsland für den 11. März zur Teilnahme an einer Mahnwache in Lingen vor dem Alten Rathaus auf (18 Uhr).

Kerstin Rudek von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg und Vertreterin des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) zitierte bei der Pressekonferenz den niedersächsischen Umweltminister Wenzel: „Die Nutzung der Atomenergie birgt unkalkulierbare Risiken.“

5 Jahre nach Beginn der Reaktorkatastrophe von Fukushima und rund 30 Jahre nach Beginn der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl widmete sich Kerstin Rudek ebenfalls den unkalkulierbaren Risiken:

„Auch in der Bundesrepublik Deutschland leiden Menschen unter den Auswirkungen der Strahlung, die durch den Betrieb der Atomanlagen freigesetzt werden. Die Kinderkrebsstudie belegt, dass je näher ein Kind an einem Atomkraftwerk lebt, seine Gefahr umso größer ist, an Krebs zu erkranken.“

Zum Standort Lingen führte Kerstin Rudek aus, dass die Brennelementefabrik 1979 den Betrieb aufgenommen hat, das AKW Emsland 1988. Die Atomkraftgegnerin aus dem Wendland informierte über die zahlreichen Pannen im AKW Emsland und in der Lingener Brennelementefabrik. Hier einige Beispiele:

Pannen des AKW Emsland:

  • 2009: Schnellabschaltung wegen Problemen an einer Überwachungseinrichtung eines Maschinentrafos
  • 2012: „Tropfleckage“ an einer Rohrleitung des nuklearen Abwasseraufbereitungssystems
  • Oktober 2013: Abschaltung wegen einer Panne an einer Hauptkühlmittelpumpe und einem „kleinen“ Ölbrand
  • April 2015: Abschaltung wegen einer Gehäuseleckage am Primärkreislauf

Pannen der Brennelementefabrik:

  • Januar 2014: „Zwischenfall“ bei dem Transport eines Uranhexafluorid-Behälters
  • Oktober 2014: Teilweise Stilllegung nach einem Riss an einem Trocknungsofen.
  • Februar 2016: Undichte Prozessgasleitung, deshalb Stilllegung der betroffenen Prozesslinie

Es gibt gegen die Atomanlagen in Lingen regelmäßig Protest in Form von Demonstrationen und Blockaden, zuletzt im Februar dieses Jahres. Wenn die Politik es nicht zu regeln vermag, dann wird mit den Füßen abgestimmt. Die Umweltverbände und Anti-Atomkraft-Initiativen rufen alle potentiell von einer Atomkatastrophe Betroffenen auf, sich jetzt zu engagieren und an weiteren Protestaktionen teil zu nehmen.

„Wir sind nicht einen Tag länger bereit, diese Risiken zu tragen und fordern Umweltminister Stefan Wenzel auf, als Atomaufsicht einzuschreiten und den Atomstandort Lingen zu schließen – jetzt“, so die grundlegende Forderung von Kerstin Rudek und ihren Mitstreiterinnen.

  • Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU)
  • Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW)
  • Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.
  • Landesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz Niedersachsen (LBU)
  • Arbeitskreis Umwelt Schüttorf
  • Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen
  • Elternverein Restrisiko Emsland

Kontakt für Rückfragen:

  • Kerstin Rudek: Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg und Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), Tel. 01590 – 2154831
  • Dr. med. Angelika Claußen: Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW), Tel. 0172 – 5882786
  • Christina Burchert: Elternverein Restrisiko Emsland und Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen, Tel. 0171 – 2804110
  • Weitere Informationen unter www.bi-luechow-dannenberg.de, www.ippnw.de, www.bbu-online.de, www.sofa-ms.de.

SuperGAUdi im NDR
Atomtransporte…

...rollen regelmäßig durchs Wendland. Eine Stellungnahme der BI.


Gorleben-Fachexpertise

Musterbeispiel für eine verfehlte Atommüllpolitik, jedoch als möglicher Standort bei der Endlagersuche fortgeschleppt:

Aus Gorleben kann viel gelernt werden.
So, wie in Gorleben, geht es eben nicht!


Neun Experten nehmen Stellung.

Kommission am Ende