Atomkraft

Die Lichter gehen aus! Anfang der siebziger Jahre: nach Jahren relativer Stabilität, nach Jahren ungehemmten Wachstums geraten die westlichen Industrienationen ins Stocken. Als Folge des Öl-Embargos arabischer Staaten bekommen sie ihre Anfälligkeit auf dem Energiesektor zu spüren.

Die Atomindustrie weiß die Gunst der Stunde zu nutzen. Die vermeintliche „Ölkrise“, der Kampf zwischen den Ölförderländern der OPEC und den Ölmultis um die Profitanteile, führt zur künstlichen Verknappung des Öls auf dem Markt. In diesem Klima verhallen die Kassandra-Rufe der Propheten zwecks Errichtung neuer, importunabhängiger Energiemoscheen nicht ungehört. Wollt ihr denn, dass die Lichter ausgehen? Ein Volk ohne Energie, das wäre noch schlimmer als ein Volk ohne Raum. Die Kernenergie (statt „Atomenergie“ wie es noch in den 60er Jahren hieß) verspricht Erlösung. Kernenergie ist Fortschritt, Kernenergie ist Zukunft…Der Kampf um die Begriffe und der Kampf um die Köpfe der Menschen ist voll entbrannt.

Professor Wolf Häfele, Wissenschaftsmanager des Energieprogramms am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse im Schloß Laxenburg bei Wien, später Mitglied der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages für Energiepolitik, kürzer ausgedrückt: einer der Missionare für Atomkraft und eine strahlende Zukunft, legte das Szenario für eine Energiepolitik der Zunkunft vor: eine 850 Seiten starke Verheißung mit dem Titel Energie in einer endlichen Welt. Da werden Strommengen nicht mehr in Kilowatt, Megawatt oder Gigawatt, sondern in TW (Terawatt) gemessen. Häfele prognostiziert einen dramatischen Anstieg des Weltenergiebedarfs von 8 (1976) auf 35,7 TW. Die Lösung: dank Atomkraft brauche niemand auf sein Heizkissen, den Haarföhn oder die heizbare Regenrinne zu verzichten. Um die Zahlen ein wenig anschaulich zu machen hier ein Beispiel: würden die 8 TW des Weltenergiebedarfs allein durch AKW´s gedeckt, so müßten dafür 5000 Atomkraftwerke vom Typ Biblis A in Betrieb sein, außerdem müßten jährlich 100 Atommeiler dazu errichtet werden, 50 Brennelementfabriken, 50 Wiederaufbereitungsanlagen, 300 Zwischenlager und 50 Endlager wären vonnöten. Tatsächlich waren Ende der 70er Jahre Atomkraftwerke im Wattenmeer und „Entsorgungs-parks“ in der Lüneburger Heide im Gespräch.

Manch einem ging zu dieser Zeit kein Licht aus, sondern ein Licht an!

Jürgen Dahls Essay Zur Metaphysik der Atomenergie-Erzeugung ist Ende der 70er Jahre erschienen. Warum wir diesen Aufsatz 20 Jahre später erneut abdrucken hat im Wesentlichen zwei Gründe: zum einen sind – und das ist erschreckend – seine Argumente trotz einer rot-grünen Bundesregierung höchst aktuell, weil wir uns noch immer mit dem Thema Atomkraft befassen müssen. Es sind – noch – 17 Atomkraftwerke in der BRD in Betrieb, in Ahaus, Gorleben, Greifswald und demnächst auch an vielen AKW-Standorten wird Atommüll dauerhaft „zwischen“gelagert, in Gronau werden Brennelemente gefertigt. Der „historische“ Text enthüllt aber auch die Krise der Atomindustrie, deren gigantischen Ausbaupläne gestoppt wurden. Die Pläne, eine Plutoniumschmiede in Gorleben, Dragahn oder Wackersdorf zu bauen, wurden vereitelt. Der Schnelle Brüter in Kalkar geriet zur Investitionsruine. Im Anhang liefere ich den Beweis, denn selbst wenn es keinen Ausstiegsbeschluss oder Ausstiegsfahrplan gegeben hat, so kämpft die Atomindustrie seit Jahren gegen eine Akzeptanzkrise an.

Jürgen Dahl argumentiert und polemisiert, er will sich in diesem „historischen Text“ mit einem Rest-Risiko, das uns jederzeit den Rest geben kann, nicht abfinden.

Wenige Jahre später geschah, was statistisch gesehen nur alle 30.000 Reaktorbetriebsjahre geschehen darf: der Super-GAU. 1979 die Beinahe-Katastrophe in Harrisburg – wir treckten gerade aus dem Wendland nach Hannover zu einer der größten Anti-Atom-Demonstrationen der Nachkriegsgeschichte mit über 100.000 TeilnehmerInnen. Und dann folgte 1986 die “Havarie” in Tschernobyl. Und nun Fukushima. Die (Un-) Wahrscheinlichkeit holt die Wirklichkeit ein.

Dahls Ausführungen enden dort, wo unsere Widerstandsgeschichte im Wendland einsetzt. Noch war Gorleben nicht im Gespräch. Mit der Veröffentlichung wollen wir nicht nur einen Beitrag zur „Geschichtsschreibung“ leisten. Aus einer Bilanz schöpfen wir auch Kraft, weil sichtbar wird, wie nachhaltig der Anti-Atom-Widerstand wirkt.

Wolfgang Ehmke, Pressesprecher BI Lüchow-Dannenberg

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