Geschichte der BI

Gründung der BI

Am 22. Februar 1977 hat der Kreislandvolkverband als Gastreferenten Dr. Salander von der Preußen-Elektra und Geschäftsführer der “Projektgesellschaft Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen” zu einem Referat in das Gildehaus in Lüchow eingeladen. Der Saal ist übervoll. Eine merkwürdige Spannung liegt in der Luft, daß für Lüchow-Dannenberg etwas geplant wird. Um 16.05 Uhr läuft jemand ans Mikrofon und teilt der Versammlung völlig aufgelöst mit, was er gerade in den Nachrichten gehört hat. Der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) benennt Gorleben als vorrangigen Standort für ein nukleares Entsorgungszentrum.

Mit einer Lichtbildserie zeigt der Referent schöne Dias von der Wiederaufbereitungsanlage in La Hague (Frankreich) direkt am Atlantik gelegen und von dem Atomkomplex Windscale an der englischen Westküste. Von der Erkrankung vieler Menschen an Leukämie in der Gegend von La Hague und von schweren Unfällen im Atomkomplex Windscale erzählt Dr. Salander nichts, auch nicht, daß die Wiederaufbereitungsanlage in Windscale seit Herbst 1973 aufgrund eines Unfalls außer Betrieb ist.

Bereits zwei Tage später organisieren Naturfreunde und Umweltschützer eine Sternfahrt über die Dörfer nach Gorleben, verteilen Flugblätter und machen Lautsprecherdurchsagen. Einige unter ihnen kommen bereits seit 1973 zusammen, seitdem Pläne bekannt wurden, daß in Langendorf/Elbe ein AKW geplant ist. Die Gerüchte um das sogenannte Nukleare Entsorgungszentrum hatten sie alarmiert.

Am 2. März 1977 wird die Satzung der “Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.” in das Vereinsregister des Amtsgerichts Dannenberg eingetragen. Die Bürgerinitiative ist gegründet, hervorgegangen aus dem bereits seit Jahren bestehenden nicht rechtsfähigen Verein von Atomkraftgegnern, eigenständig und parteilos.

Heute hat die BI über 1.000 Mitglieder.

Die Bürgerinitiative finanziert sich über Mitgliederbeiträge und Spenden.

Bild Lecker Castor

Geschichte wird gemacht …

Der Standort Gorleben und der Widerstand

Am 24.2.77 übergibt Samtgemeindedirektor Hans Borchardt in der Redaktion der Elbe-Jeetzel-Zeitung dem Sprecher der niedersächsischen Landesregierung, Dr. Hilmar von Poser, die vom Samtgemeinderat Gartow verfaßte Resolution gegen den Standort Gorleben: “Mit Bestürzung hat der Rat der Samtgemeinde Gartow (Gorleben ist Gliedgemeinde der SG Gartow) zur Kenntnis genommen, daß die Landesregierung Niedersachsens Gorleben als Standort für eine Atommülldeponie und Wiederaufbereitungsanlage benannt hat. Der Samtgemeinderat lehnt Gorleben als Standort auf das entschiedenste ab.

Mit dieser Benennung wird die in den letzten zwei Jahrzehnten unter großen Anstrengungen der hiesigen Bevölkerung erreichte Entwicklung des Fremdenverkehrs mit einem Schlage zunichte gemacht. Auch die Landwirtschaft und das örtliche Handwerk werden durch diese Standortwahl in ihrer Existenz auf das äußerste gefährdet. Außerdem würde hierdurch eine der letzten noch unberührten Naturlandschaften zerstört. Der Rat der Samtgemeinde Gartow ist nicht bereit, sich mit dieser Standortwahl abzufinden.”

So war das damals! In den nachfolgenden Jahren erhielten der Landkreis und die Gemeinden Gartow und Gorleben durch die Ansiedlungsverträge viele Millionen als “Strukturhilfe” und es wurden Stillhalteabkommen vereinbart.
Am 14.März 79 beginnen die ersten Bohrungen zur Baugrunduntersuchung. An den folgenden Tagen gibt es viele Demonstrationen und Behinderungsaktionen, auch in vielen Städten.

Am 25. März 79 startet der legendäre “Gorleben-Treck” in Gedelitz nach Hannover. 5000 Menschen machen sich auf den Weg mit 150 Treckern, Fahrrädern und zu Fuß. Ganze Dörfer waren vollzählig anwesend. In Hannover bereiten 100.000 AKW-Gegner den Wendländern einen begeisterten Empfang.

Der Aufruf der Bauern hatte folgenden Wortlaut:
“Wir Bewohner des Landkreises Lüchow-Dannenberg haben uns entschlossen, einen Protest-Treck nach Hannover durchzuführen, weil wir es nicht hinnehmen, daß unser Landkreis durch die Errichtung einer Atomfabrik zerstört werden soll. Wir Bewohner des Landkreises Lüchow-Dannenberg sind empört darüber, daß die Betreiberfirma mit Billigung der Landes- und Bundesregierung mitten in einem Naturschutzgebiet gegen den Willen der Bevölkerung mit den Baugrunduntersuchungen begonnen hat. Baugrunduntersuchungen sind Baubeginn.
Wir Bewohner des Landkreises Lüchow-Dannenberg haben in den letzten Monaten – aber ganz besonders seit Beginn der Baugrunduntersuchungen – einen Polizei- und Bundesgrenzschutzeinsatz in geradezu gigantischen Ausmaßen erlebt. Indem der Staat das unrechtmäßige Vorgehen der Betreiber schützt, begeht er selber Unrecht.
Seit Monaten müssen wir uns entwürdigende Paßkontrollen, Bespitzelungen und Überwachungen gefallen lassen. Auf Kosten der Steuerzahler wird hier im Kreis auf allen Ebenen ein Staat im Staate installiert und finanziert, der die Bevölkerung einschüchtert und gefügig machen soll.
Wir Bewohner des Landkreises Lüchow-Dannenberg fordern daher:

1. Abzug aller Bohrfahrzeuge und Einstellung der Baugrunduntersuchungen.
2. Kein schleichender Baubeginn, d.h. keine weiteren bauvorbereeitenden Maßnahmen.
3. Abzug der Kriminalpolizei, der Bereitschaftspolizei und des Bundesgrenzschutzes.
4. Keine Kriminalisierung von Atomkraftgegnern im Landkreis Lüchow-Dannenberg und anderswo.

Wir erwarten von Herrn Dr. Albrecht, daß er mit einer großen Anzahl von Lüchow-Dannenbergern diese Forderungen am 31.3.79 in Hannover erörtert.
Die Bevölkerung des Kreises Lüchow-Dannenberg, im März 79.”

Zeitgleich findet in Hannover das Gorleben-Symposium statt: Wissenschaftler streiten pro und contra über die WAA-Technologie. In Harrisurg gibt es einen schweren Störfall im dortigen Atommeiler. Der Moderator plädiert für “nachdenkliches Schweigen”. Man sei “in Gedanken bei den Opfern von Harrisburg, aber die Tagesordnung läßt eine Abweichung nicht zu.”

Am 16. Mai 1979 gibt Ministerpräsident Albrecht den Verzicht auf die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben bekannt. Das Projekt sei “zur Zeit politisch nicht realisierbar”. Am Endlager und einem Langzeit-Zwischenlager wird jedoch festgehalten. Doch 1983 wird entschieden, daß im 25 km von Gorleben entfernten Dragahn eine WAA gebaut werden soll. Bauern und Bürger protestieren in Dragahn. Auch bei Kreistagssitzungen gab es Proteste und Raufereien. Anfang 1985 wurde entschieden, die WAA im oberpfälzischen Wackersdorf zu bauen in der Hoffnung, daß sich dort kein Widerstand regt.

Gegen die Tiefbohrungen 1979 an der Baustelle 1003 und 1980 der Baustelle 1002 wurde zahlreich demonstriert. Die Baustelle 1004 besetzten am 3. Mai 1980 5.000 Menschen im Gorlebener Wald und proklamierten die “Republik Freies Wendland”. Es entsteht das Hüttendorf. Das Dorf wird am 4. Juni 1980 von 10.000 Polizisten geräumt.

Im Januar 1982 ist Baubeginn für das Zwischenlager/Faßlager, das seit 1984 in Betrieb und inzwischen zu 40 % gefüllt ist mit schwachradioaktivem Müll. Die Castor-Halle hat Platz für 420 Behälter. Über 11 1/2 Jahre konnte die Einlagerung von Castor-Behältern mit hochradioaktiven abgebrannten Brennelementen verhindert werden. Am 25. April 95 wurde der erste Castor von mehreren tausend Polizisten gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt. Ende Mai 95 wurde die Nutzungserweiterung genehmigt von 1.500 auf 3.800 to und zusätzlich alle Arten hochradioaktiven Abfalls, z.B. Glaskokillen aus der WAA. Der erste Transport von Glaskokillen erfolgte am 8. Mai 96 mit dem größten und teuersten Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik. Anfang März 1997 wurden 6 weitere Behälter nach Gorleben geschickt mit der Hilfe von bundesweit 30.000 Polizisten gegen den Widerstand von 20.000 Atomkraftgegnern.

Der Salzstock Gorleben wird seit 1979 für den Bau eines atomaren Endlagers erkundet, obwohl viele wissenschaftliche Gutachten aussagen, daß Salz nicht geeignet ist und namhafte Geologen bezweifeln, daß der Gorlebener Salzstock für hochradioaktiven Müll geeignet ist. Es handelt sich um ein Deckgebirge, das Atommüll nicht von der Biosphäre abschottet und Wegsamkeiten nach oben ermöglicht. Trotzdem wird gebaut und das Lager soll 2010 fertig sein. Es gab einen schweren Unfall und zahlreiche Laugeneinbrüche. Es gab auch hier viele Aktionen und Demonstrationen. Am 21. Juni 1990 wurden die etwa 50 m hohen Bohrtürme auf dem Gelände von 14 Frauen und Männern besetzt. Es wurden Transparente gespannt “Letzte Schicht – Schacht dicht” und “Gorleben stopp -Alle AKW abschalten”. Die Schadenersatzklage beläuft sich auf 126.000 Mark. Der Prozeß ist noch nicht beendet.

4 Tage nach dem Super-Gau in Tschernobyl im April 86 stellen die Betreiber den Antrag für den Bau einer Pilotkonditionierungsanlage (PKA). Hier soll getestet werden, wie hochaktiver Atommüll endlagerfähig verpackt werden kann. Außerdem soll die mit einer “heißen Zelle” ausgestattete Atomfabrik als Reparaturwerkstatt für defekte Castor-Behälter dienen. Diese Anlage bereitet der Bevölkerung viel Sorgen. Über einen 60 m hohen Schornstein gelangt die Abluft mit einer Menge von Trytium, Krypton 85 Jod 129 und Strahlung in die Umwelt. Das Abwasser soll über eine Pipeline in die Elbe geleitet werden. Auch gegen den Bau dieser Anlage gab es eine Platzbesetzung am 1.2.1990, wo auf dem vorgesehenen Waldstück mehrere 100 Menschen ein Hüttendorf errichteten. Am 6.Februar weichen die Platzbesetzer der Übermacht von 2.000 Polizisten und verlassen das Gelände.

Die PKA sollte 1999 in Betrieb gehen.

Foto Nix-Plakat

Das X ist das Symbol des Widerstands. Da man nie den Termin von Atommülltransporten im voraus wußte, wurde zum “Tag X” mobilisiert, sodaß die Menschen schon vorbereitet waren. Auch das erste “Tag X”-Plakat wurde beschlagnahmt und es wurde gegen 5 Menschen wegen Aufruf zu Straftaten ermittelt, Druckereien und Informationsbüros durchsucht. Joseph Boys hat dieses Plakat unterzeichnet und zum Kunstwerk erklärt.

Im August 1985 wird bekannt, daß mehr als 2000 Bürgerinnen und Bürger aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg im Spurendokumentationssystem (SPUDOK) des Niedersächsischen Landeskriminalamtes gespeichert sind.

Der Widerstand ist und bleibt phantasievoll!

So wurde auch das 300-Leute-Konzept entwickelt. Per Inserat wurden 400 Unterschriften veröffentlicht, wo Menschen sich zu diesem Blockadekonzept “ich stelle mich quer” bekannten. Später waren es über 3.000 Menschen aus allen Schichten, junge und alte, die öffentlich bekundeten, sich querzustellen.

Hingewiesen sei hier auf Robert Jungk, der in Büchern und Publikationen vor den Gefahren des Atomstaats warnt und die Grundrechte der Menschen einfordert.

Was heisst e.V.?

o ein Versuch?
o energiegeladene Vereinigung?
o empfohlene Verteidigung?

Rechtsform / Der Vorstand

Der Verein “Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.” , das heißt natürlich “eingetragener Verein” und ist vom zuständigen Finanzamt als gemeinnützig und förderungswürdig anerkannt und von der Steuerpflicht befreit. Der Verein ist entstanden aus der bereits seit mehreren Jahren bestehenden, nicht rechtsfähigen “Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg”, seine Gründung wurde beschlossen auf der Versammlung der Bürgerinitiative am 2.12.1976.

Die Ziele des Vereins sind insbesondere, die Bevölkerung über die Umweltgefahren hinzuweisen und Bürgerinnen und Bürger bei der Abwehr von Umweltgefahren zu unterstützen.
Der Verein ist parteipolitisch und konfessionell ungebunden. Mitglied kann jede Person werden, die die Ziele des Vereins unterstützt. Der Mitgliederbeitrag wird von der Mitgliederversammlung beschlossen.
Die ordentliche Mitgliederversammlung ist das höchste Organ des Vereins und findet jährlich einmal im ersten Quartal statt. Außerordentliche Mitgliederversammlungen werden nach Bedarf einberufen, z.B. um ein Meinungsbild zu erhalten über aktuelle Situationen.
Der geschäftsführende Vorstand besteht aus dem/ der Vorsitzenden, PressesprecherIn, SchriftführerIn, Gruppendelegierten, KassenwartIn. Die Wahl des Vorstands erfolgt durch die Mitgliederversammlung. Die Tätigkeit ist ehrenamtlich.

Zu den Aufgaben des geschäftsführenden Vorstands gehören: Verwaltung des Vereinsvermögens, Vorbereitung der Mitgliederversammlung, Erstellung und Vorlage des Jahres- und Kassenberichtes, Durchführung eines Tätigkeitsplanes; mit der Abgabe öffentlicher Erklärungen ist in der Regel der Pressesprecher beauftragt. Regelmäßige Sitzungen des Vorstands sind erforderlich. Die Mitgliederversammlung wählt zwei Rechnungsprüfer, die nicht Mitglied des Vereins sind, die die Kassen- und Rechnungsführung prüfen. Die Mitgliederversammlung kann in den erweiterten Vorstand bis zu 10 Beiräte wählen.

Die tatsächliche Arbeit des Vorstands übersteigt jedoch bei weitem die Erledigung der satzungsgemäßen Regularien und jedes Vorstandsmitglied bearbeitet in der Regel zusätzlich einen oder mehrere Aufgabenbereiche. Ohne persönliches und politisches Engagement der Mitglieder des Vorstands wäre die Arbeit der BI nicht gewährleistet.

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