Klar zur Verkehrswende!

Die Gletscher schmelzen, Lappland taut auf, Wetterkapriolen lassen Landwirte verzweifeln – einerseits ist der Klimawandel auch für uns Europäer in zunehmendem Maße zu erleben, für manche auch schon drastisch spürbar.

Andererseits verordnet Spanien innerorts Tempo 30, verbietet Frankreich Kurzstreckenflüge und verlangt das Bundesverfassungsgericht von der deutschen Politik mehr Tempo bei der Reduzierung des CO2-Austoßes. In weiten Teilen der Politik ist das Bewusstsein für notwendige Verhaltensänderungen also längst gereift. Was indes fehlt, sind konkrete Maßnahmen.

Allein der Verkehrssektor wird innerhalb der nächsten acht Jahre den Ausstoß von Treibhausgasen von heute 146 Millionen auf dann 85 Millionen Tonnen pro Jahr fast halbieren müssen – um ihn nach 2030 schrittweise weiter zu verringern. Eine Mammutaufgabe, für deren Lösung heute noch allenfalls Versprechen und Visionen bereitstehen.

Während auch in den grünsten aller Parteien und Parteiflügeln noch weitgehend auf „green Deals“ und „green Tech“ gesetzt wird, werden anderenorts Stimmen lauter, die nicht nur Ingenieure in die Pflicht nehmen, sondern vor allem von der Bevölkerung viel Radikaleres fordern: Verzicht! Geradezu als Paradigmenwechsel muss man das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von Ende April verstehen. Sinngemäß hatte Karlsruhe die Bundesregierung aufgefordert, Ressourcenverbrauch und negative Umwelteinflüsse heute so weit einzuschränken, das künftigen Generationen ein lebenswertes Dasein überhaupt noch möglich ist. Wissenschaftler von „Scientists for Future“ und Philosophen wie Richard David Precht fordern seit langem schon: Jetzt verzichten, um später genießen zu können. Das hat das Gericht jetzt aufgegriffen und fordert, um im Bild zu bleiben, die Handbremswende auf blankem Eis!

Dabei wird es auf dem Weg zur Klimaneutralität auch ökonomisch viele Gewinner geben, denn natürlich werden wir das Ziel ganz ohne grüne Technologie nicht erreichen. Ärgerlich ist allerdings, dass momentan noch die perspektivischen Verlierer der unausweichlich notwendigen Veränderung die Geschicke dieser Welt bestimmen: Konservative, und zu denen darf man getrost auch die zählen, die sich heute in Politik und Verwaltung um Verkehrsplanung kümmern.

Wie anders ist zu verstehen, dass sich trotz immer schneller fortschreitenden Klimawandels die deutsche Verkehrspolitik und der hierzulande ungebremst fortschreitende Verkehrswegebau fast ausnahmslos am Individualverkehr, sprich Auto, orientiert? Wo ist das Tempolimit auf der Autobahn? In der Schweiz! Wo sind die Fahrrad-Schnellwege? In Kopenhagen! Und wo die „Shared Spaces“ für alle Verkehrsteilnehmer? In Holland!

Die Konzepte sind da, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über ihre Wirksamkeit liegen vor, die Nachweise wurden in Modellversuchen auch in Deutschland längst erbracht – und dennoch wird im Land mit der höchsten Autobahndichte und mit einem extrem fein verästelten Straßennetz fleißig weiter in Asphalt investiert. Auch in unserer Region. Nein: gerade in unserer Region!

Denn was uns durch die Zonenrandlage jahrzehntelang erspart geblieben war und uns nun in der Klimadebatte geradezu zur Modellregion machen könnte, soll offenbar noch schnell – bevor gar nichts mehr geht – an den Rest des Landes angeglichen werden. Die Planung von Autobahnen wie der A39 (Lüneburg – Wolfsburg) und der A14 (Schwerin – Magdeburg) sowie der vierspurigen Bundesstraße B190n als Querverbindung zwischen beiden Betonpisten lassen den Geist der 90er-Jahre aus den Amtsstuben an die Grenzen des Wendlands wehen. Natürlich wird das den Druck auch auf hiesige Straßen erhöhen, und willfährige Politiker/-innen und Beamt/-innen sind jetzt schon fleißig mit der Realisierung der Elbbrücke in Neu Darchau und mit der „bedarfsgerechten“ Sanierung der Kreisstraße zwischen Pudripp und Sallahn (K8) beschäftigt. Im ersten Fall zu Lasten des Biosphärenreservats, im zweiten unter Abholzung von 80 Allee-Birken. Welch fatale Signale an die nachfolgenden Generationen! Sie werden uns unweigerlich und völlig zu Recht die bohrende Frage stellen: „Was hast Du dagegen getan?“

Junge Leute, auch in Lüchow-Dannenberg, in der Altmark und in den Kreisen Lüneburg und Uelzen, sind sehr aktiv, ihre Zukunft lebens- und liebenswert zu erhalten. Gerade der Verzicht aufs Auto fällt ihnen dabei gar nicht schwer. Ihnen stehen Betonköpfe in Kreispolitik und Kreisverwaltung gegenüber, denen Wachstum durch Blech und Beton mehr wert zu sein scheint als überlebenswichtige Natur mit Baum und Biber.

„Was hast Du dagegen getan?“ Durch unsere Teilnahme am bundesweiten Verkehrswende-Aktionstag können wir den jungen Menschen helfen, ihren Anspruch auf ein gesundes Leben geltend zu machen. Und die Betonköpfe jagen wir dann im September aus den windigen Amtsstuben. Das immerhin können wir dagegen tun!

Verkehrswende-Aktionstage: 5. und 6. Juni 2021

Unter dem Motto „Klimagerechte #FairkehrswendeJetzt! Autobahnbau stoppen!“ lädt ein gesamtdeutsches Bündnis ein, am 5. und 6. Juni an den Dezentralen Aktionstagen für die Mobilitätswende teilzunehmen. Ob gegen Autobahnneubau oder für den Ausbau des ÖPNV, ob für Radentscheide oder mehr Busse im ländlichen Raum, ob mit Fahrraddemos, kreativen Aktionen oder coronakonformen Kundgebungen – mit dem Aktionstag will das Bündnis den längst überfälligen Wandel des Mobilitätssystems einleiten und die vielen lokalen Initiativen, Gruppen und Bündnisse bundesweit sichtbar machen!

Die Idee des Dezentralen Aktionstags ist aus der bundesweiten Vernetzung von Mobilitätswende-Initiativen entstanden, und wird aktuell von verschiedenen Gruppen und Einzelpersonen getragen (Bürgerinitiativen, Akteure des zivilen Ungehorsam, lokale Klimagerechtigkeitsgruppen bis hin zu NGOs).

In unserer Region finden folgende Veranstaltungen statt:

5.6., 14 Uhr, Neu Darchau, am Fährhafen, „Musikalische Mahnwache“ gegen die geplante Elbbrücke, mit Musik (u.a. „Muul Op“), Redebeiträgen und coronakonformem Catering. Mehr Infos: www.keine-bruecke.de

5.6., Elbbrücke bei Wittenberge, Fahrradsternfahrt für „Klimagerechte Verkehrswende jetzt – Baustopp A14“, mit vielfältigem Programm, Picknick bitte selbst mitbringen. Mehr Infos: https://keinea14.de/
ab „Elbfähre“ in Schnackenburg (Wendland) um 13.30 Uhr
ab „Großer Markt“ in Perleberg (Prignitz) um 14.00 Uhr
ab „Bahnhof“ und „Hafen“ in Wittenberge (Prignitz) um 14.00 Uhr
ab „Bahnhof“ in Seehausen (Altmark) um 14.00 Uhr

6.6., 12 Uhr, Lüneburg, „Große Fahrraddemo“ auf der A39 von Lüneburg (Sülzwiesen) nach Winsen, dort Zwischenkundgebung, dann zurück auf der K87 und K46. Länge: 46 km. Für Menschen, die sich nicht die ganze Strecke zutrauen, gibt es die Möglichkeit, nur zur Startkundgebung (Sülzwiesen) zu kommen und bis Lüneburg-Nord mitzufahren oder in Winsen in den Zug zu steigen. Mehr Infos: www.facebook.com/KlimaKollektivLueneburg

20.6. ab 13.30 Uhr, Pudripp und Sallahn, „Fahrraddemo“ gegen Baumfällungen auf der K8, Start in Pudripp und in Sallahn, Zwischenkundgebung Abzweig Wibbese. Abschluss bei Kaffee und Kuchen in Mützingen bei Rosi.