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Castor Transport 25. April 1995

Der Castor kommt – nicht mehr!

Am 27. November 2011 erreichte der letzte Castor-Transport Gorleben. Wie immer ging es auf dem Schienenweg bis Dannenberg, der Umladestation, und dann auf der Straße weiter bis zum Zwischenlager. Norma Deneke befragte Wolfgang Ehmke.

Wie haben Sie das in Erinnerung?
Ich persönlich habe das noch stark in Erinnerung, auch wenn es schon 10 Jahre her ist. Wir hatten in Dannenberg demonstriert, da kamen ungefähr 20.000 Menschen. Und schon während der Kundgebung machten sich Tausende bei Harlingen auf den Weg, um die Schienen zu blockieren. Die bange Frage vor dem letzten Transport war- würden wir trotz des frisch verkündeten Atomausstiegs nach dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe von Fukushima-Daiichi noch genügend Rückhalt finden mit dem Thema Atommüll und Gorleben. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich sah, wer sich da alles unserem Aufruf angeschlossen hatte und sich querstellen würde.

Der letzte Transport ging in die Geschichte ein als der mit der längsten Laufzeit.
Für die Fans, die es minutengenau wissen wollen: Er dauerte von der Verladung in Valognes, das ist der Verladebahnhof in der Nähe der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague, bis zur Ankunft im Zwischenlager 125 Minuten und 49 Minuten.

Die Transporte wurden ja eingestellt. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Es wurde offensichtlich, dass der Widerstand gegen Gorleben – damit waren vor allem die Endlagerpläne gemeint – nicht bröckelte. Sigmar Gabriel, Jürgen Trittin und Peter Altmaier trafen sich daraufhin in Berlin zu den berühmten „Küchengesprächen“. Die waren für die SPD, die Grünen und die CDU alle einmal Bundesumweltminister und es dämmerte ihnen, dass es so mit Gorleben nicht weitergehen könne. Das Resultat war das neue Suchverfahren für die Lagerung hochradioaktiven Abfälle, das Standortauswahlgesetz. Das kam dann 2013. Bestimmt wollte man uns auch die Bühne des Protests nehmen. Aber darüber sind wir letztlich aber froh.

Am 27. November lädt die BI Umweltschutz zu einem „Erzählkaffee“ in die Trebeler Bauernstuben ein. Ein Nostalgie- Kaffee?
Es ist schon wichtig, sich zu erinnern. Schließlich haben wir politisch viel erreicht. Auch das Endlagerprojekt ist gekippt. Aber mit den Erzählungen – wir ladenja  dazu ein, vom letzten Transport zu erzählen – wollen wir auch die erreichen, die damals nicht dabei waren, weil sie noch nicht im Wendland wohnten, weil sie noch zu jung waren. Warum nicht mal bei Kaffee und Kuchen? Der Gorleben- und Atomkonflikt ist ein Mut machendes Beispiel, wie man sich als Zivilgesellschaft erfolgreich zur Wehr setzen kann. Das gilt heute genauso für das große Thema Klimakatastrophe und ob man die noch stoppen kann.

Sie selbst haben ja einen kleinen Roman geschrieben. „Der Kastor kommt!“ Und Sie waren sogar von der Bundeszentrale für politische Bildung zu einer Lesung nach Bonn eingeladen. Was war Ihre Schreibidee?
Die hatte damit zu tun, dass ich davon überzeugt bin, dass die Geschichte, die wir geschrieben haben, sich aus vielen Geschichten speist. Und dass viele Menschen lieber einen Roman zur Hand nehmen, statt ein Sachbuch zu lesen. Jetzt gerade ist der Roman in einer dritten Auflage erschienen und ich freu mich schon, auf dem Saal in Trebel genau die Passagen vorzulesen, die sich dort, spät in der Nacht, nach dem allerletzten Castor nach Gorleben vor 10 Jahren abspielten.

Der Castor kommt – nicht mehr… Erzählkaffee und Kuchen am 27. November, 15.30 Uhr, Eintritt frei, es gelten die aktuellen Coronaregeln.

"You are the Champions"
https://taz.de/Letzter-Castortransport-vor-zehn-Jahren/!5813664/

Wolfgang Ehmke

Wolfgang ist langjähriger Pressesprecher der BI.