bi-blog

„Und er bewegte sich doch!“ Gorleben Rundschau 1/88

Am 12. Mai 1987 krachte der Schacht. Bei einem tragischen Unfall im Schacht Gorleben I des im Bau befindlichen Endlagers löste sich ein tonnenschwerer Sicherungsring aus Stahl und verletzte sechs Bergleute, die auf der Schachtsohle in ca. 235 m Tiefe arbeiteten.
Ein Bergmann erlag kurz darauf seinen schweren Verletzungen. Seit dieser Zeit geht nichts mehr. Die
Arbeiten ruhen, und die Köpfe der Verantwortlichen rauchen. War das Unglück vorhersehbar?Akten, die in die Hände der BI gelangten, bestätigen das. Auf zahlreiche Hinweise auf das drohende Unheil in den Monaten vor dem Unfall wurde nicht entsprechend reagiert. Gutachter, die bereits 1983 und 1984 auf die extrem schwierigen geologischen Verhältnisse im Deckgebirge hingewiesen
hatten, konnten sich bei den Verantwortlichen kein Gehör verschaffen.
Wer die Geschichte kennt, den wundert das nicht. Das Endlager Gorleben spielt, seit der Standort 1977 von der CDU-Landesregierung benannt und wenig später von der damaligen SPD/FDP-Bundesregierung akzeptiert wurde, die zentrale Rolle im sogenannten „Entsorgungskonzept“ des Bundes. Hier sollen, das war von Anfang an politisch entschieden, alle Arten radioaktiver Abfälle eingelagert werden. 1980 haben die Regierungschefs von Bund und Ländern in den Grundsätzen zur Entsorgung festgelegt, daß der weitere Betrieb von AKW’s nur dann zulässig sei, wenn es „Fortschritte bei der Erkundung des Endlagers“ gäbe. In Gorleben mußte also immer weitergemacht werden, koste es, was es wolle, wenn nicht das Atomprogramm insgesamt in Frage gestellt werden soll.
Seit dem Unfall ist viel Zeit vergangen. Offiziell gibt es bisher keine Erklärungen über die Ursachen des Unfalls. Versuche, im Niedersächsischen Landtag einen Untersuchungsausschuß mit der Aufklärung des Unfalls und derjetzt fälligen Neubewertung der Eignung des Standortes zu betreuen, wurden von der SPD verhindert. Zu groß ist offensichtlich die Angst vor der eigenen Mitverantwortung.
Während sich die Verantwortlichen in Schweigen hüllen, arbeitet die Natur allerdings weiter. Entgegen allen Beteuerungen hat sich der Schacht in den letzten Monaten, trotz Sicherung mit einem Betonpfropfen, weiterbewegt. Die offenen Klüfte, schräge einfallende Tonschichten und gesättigte Salzlauge, die nicht gefroren werden kann, drücken weiter. Der vorläufige Schachtausbau aus Betonsteinen kann derzeit das Schlimmste für die Betreiber, nämlich den totalen Zusammenbruch, noch verhindern. Es fragt sich nur, wie lange noch? Weltweit musste bisher kein vorläufiger Schachtausbau so lange halten. Wenn in Gorleben trotzdem weitergemacht werden soll, dann ist das schon jetzt ein Experiment ohne Netz, in dem die Bergleute als lebende Versuchskaninchen eingesetzt werden. Diejenigen, die uns 100.000 Jahre Sicherheit versprechen – großes „Holsteinisches Ehrenwort“ – pfeifen auf das Leben der Arbeiter.
Diese sehen allerdings zunehmend, was gespielt wird. „Uns geht da unten jetzt ganz schön die Muffe,“ erklärte Anfang Januar ein Steiger, der zu Vermessungsarbeiten in den Schacht eingefahren war.

Wolfgang Ehmke

Wolfgang ist langjähriger Pressesprecher der BI.