- Die Entscheidung für den Standort Gorleben war politisch motiviert.
- Seit 2020 ist der Salzstock aus dem Standortauswahlverfahren aussortiert worden.
- Grund dafür war die ungeeignete Geologie.
Das Jahr 1976 war entscheidend. Die Bundesregierung unter Helmut Schmidt (SPD) drängte die niedersächsische Landesregierung, einen Standort für ein sogenanntes „Nukleares Entsorgungszentrum“ (NEZ) zu bestimmen.
Hinter diesem Kürzel verbarg sich ein industrieller Nuklearkomplex mit Wiederaufarbeitungsanlage, einer Brennelementefabrik, oberirdischen Pufferlägern für die flüssigen und festen Abfälle aus dem „Recycling“ der abgebrannten Brennelemente – und schließlich ging es auch um das Endlager. Es sollten ursprünglich alle Arten von Abfall – schwach- und mittelaktive wie auch die wärmeentwickelnden hochaktiven Abfallstoffe rein in eine einzige Deponie.
Gorleben-Festlegung am 22. Februar 1977: ein Polit-Krimi
Der Rückblick auf diese Jahre erklärt, wie es zur Standortbenennung kam, das liest sich wie ein Krimi. Die Schmidt-Regierung drängte deshalb so sehr, weil das ehrgeizige Atomprogramm ohne nukleare Entsorgung juristisch und politisch angreifbar war. 1974 erhielt die Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (KEWA), den Auftrag, einen Standort für eine solche Anlage zu finden. Nach knapp einem Jahr lieferte die KEWA das Ergebnis ihrer Studie ab und benannte drei Standorte, die in Frage kommen könnten, im Emsland, in Lichtenmoor und in Unterlüß. Gorleben spielte bei diesem Verfahren keine Rolle. Anfang 1976 waren die Arbeiten an den drei KEWA-Standorten mit Bohrungen und genehmigten Bohrprogrammen weit fortgeschritten.
Am 2. Februar 1976 wechselte in Niedersachsen die Regierung von SPD zu CDU. Ministerpräsident Ernst Albrecht brauchte jede Stimme. Doch an den NEZ-Standorten rumorte es. Die da protestierten, waren nicht irgendwelche „Spinner“, als die Atomkraftgegner damals in CDU-Kreisen galten. Es waren die eigenen Leute: Landrat, Bürgermeister, Landtags- und Bundestagsabgeordnete.
Vor allem im Emsland, dem aus geologischer Sicht aussichtsreichsten Standort, schlugen die Wogen hoch. Albrechts Mehrheit war bedroht. Der Ministerpräsident reagierte. Im Sommer 1976 rang er Bundeskanzler Helmut Schmidt das Einverständnis ab, eine eigene niedersächsische Suche nach einem NEZ-Standort starten zu können. Die Bohrungen an den anderen Plätzen wurden erst auf Oktober 1976 verschoben, dann eingestellt. Das Auswahlverfahren des Bundes war beendet.
Im August 1976 begann die Landesregierung mit den Vorbereitungen für ein eigenes Auswahlverfahren. Sie richtete eine interministerielle Arbeitsgruppe „Entsorgungszentrum“ (IMAK) ein. Noch im Oktober 1976 fallen bei einem Treffen in den Räumen der RWE keine Namen einzelner Standorte.
Das Auswahlverfahren, an dessen Ende Gorleben benannt wurde, lief als streng vertrauliche interne Angelegenheit der Landesregierung ab. Lediglich das Oberbergamt in Clausthal und das Landesamt für Bodenforschung wurden einbezogen und auch der TÜV. Der erstellte im Rahmen des Auswahlverfahrens im Oktober/November 1976 das einzige Gutachten unter sicherheitstechnischen Aspekten. Gorleben kam auch darin zunächst gar nicht vor.
„Sieger des Castings war ein Salzstock in Schleswig-Holstein. Gorleben wurde nachträglich, ebenso wie die Grube Mariaglück bei Celle, handschriftlich in der Expertise nachgetragen“, fasst Friedrich-Karl Kassel seine Recherche zu den entscheidenden Momenten der Standortwahl zusammen (Elbe-Jeetzel-Zeitung 20.10.10).
Am 22. Februar 1977 wurde das Ergebnis bekanntgegeben: Gorleben.
Wie sah die geologische Situation des Endlagers Gorleben aus?
Schlecht! Auf 300 Seiten legte Prof. Dr. Klaus Duphorn bereits 1982 fundiert und akribisch dar, welche Risiken der Salzstock Gorleben als Folge der komplizierten geologischen Struktur und der Wasserkontakte für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle birgt. Auftraggeber war die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB), also die Vorgängerbehörde des BfS. Im Mai 1983 hatte der Amtsleiter Professor Helmut Röthemeyer in Hannover gegenüber Journalisten eine Zusammenfassung der bis dahin vorliegenden Untersuchungsergebnisse mit einer „internen Gesamtbewertung“ verbunden, die zu der Empfehlung gelangte, „das Erkundungsrisiko breiter zu streuen.“ Ziel der PTB war es, auch andere Salzstöcke zu erkunden.
Für eine Behörde war das ein unerhört mutiger Schritt, konsequenter wäre gewesen, ganz auf die Einbahnstraße Gorleben zu verzichten. Erst zwei Jahre später erfuhr die Presse, dass die Bundesregierung der PTB per Weisung untersagt hatte, derartige Überlegungen anzustellen (FR 25.7.85 „Maulkorb für kritische Äußerung über Gorleben“).
Heute wissen wir, dass sogar Permafrostrisse bis in die möglichen Einlagerungsbereiche hineinreichen. Übrigens: Unverritzt war der Salzstock ohnehin nicht. Vor rund 100 Jahren, in der Zeit des Kalifiebers, gab es in seinem Bereich Tiefbohrungen, Bohrlöcher wurden nicht ordnungsgemäß verfüllt, weil die Firmen Pleite gingen. Auch die Gasvorkommen im/unter dem Salzstock Gorleben-Rambow waren bei der Standortwahl im Jahre 1976 schon bekannt. Das berichtete der Historikers Anselm Tiggemann vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) Gorleben.
Der Preussag AG und der Brigitta Elwerath wurden daraufhin Probebohrungen, um neue Gasfelder aufzuschließen, im Raum Gorleben untersagt. Die Bohrungen nach Gasvorkommen unter dem Salzstock Gorleben-Rambow hatten 1969 auf DDR-Seite direkt an der Elbe zu mehreren Explosionen und Havarien geführt.
Der Salzstock Gorleben stand vor allem wegen des wasserdurchlässigen Deckgebirges in der Kritik.
Für uns war stets klar: Gorleben gehörte auf den Misthaufen der Nukleargeschichte und nicht in den Pool möglicher Standorte, als die Endlagersuche 2013 mit den Standortauswahlgesetz neu gestartet wurde und Gorleben im Pool möglicher Standorte verblieb. 2020 war es endlich soweit, schon im ersten Vergleichsschritt wurde der Salzstock im Zwischenbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) erwartungsgemäß aussortiert.
Welche Voraussetzung müsst ein taugliches Endlager für hochradioaktive Abfälle mit sich bringen?
Die Frage konnten Fachleute bisher nicht beantworten, obwohl seit Anfang der 60er Jahre Atomkraftwerke Strom – also auch Atommüll – produzieren. Von uns sind keine positiven Antworten zu erwarten, weil wir unsere Rolle als Kritiker verstehen, die leider – siehe Asse II – die wunden Punkte begriffen haben. Es wird weltweit kein sicheres Endlager geben, weil es nicht gelingen kann, die radioaktiven Isotope sicher – also dauerhaft – gegen die Biosphäre abzuschirmen. Das heißt, schon der Begriff „Endlager“, der ja suggeriert, man könne das Problem lösen, ist irreführend. Das heißt nicht, dass wir keine Vorschläge oder Vorstellungen hätten, wie in einer solchen Lage zu verfahren sei.
Wir treten dafür ein, dass angesichts des weltweiten Atommülldesasters kein weiterer Müll produziert wird und dass eine umfassende und schonungslose „Atommüllbilanz“ gezogen wird.
PRESSEMITTEILUNGEN & BEITRÄGE
-
Norddeutschland: Beben, Risse, Überflutung – Was bedeutet das für ein Endlager?
Kann es in der norddeutschen Tiefebene Erdbeben geben? Sinkt die Tiefebene soweit ab, dass sie von Meerwasser überspült wird? Und was heißt das für ein mögliches atomares Endlager in Norddeutschland?
-
Mit Katzenstreu gegen Wasserzufluss im US-Endlager WIPP
Der Wasserzufluss und die Konvergenzen im Salz des US-amerikanischen Endlagers WIPP bereiten den Mitarbeitern große Sorgen. Im Februar des vergangenen Jahres hatte es dort eine Explosion gegeben. Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. (BI) verfolgt die Vorgänge in Carlsbad im Bundesstaat New Mexiko mit großer Aufmerksamkeit, denn mit Morsleben, der Asse II und Gorleben wurde und…
-
Das BfS geht auf Infotour- Alternativen zu Gorleben werden benannt
Das BfS geht auf Infotour- Alternativen zu Gorleben werden benannt Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) geht auf Infotour. Am Dienstag präsentierte das BfS im Berliner Regierungsviertel eine mobile Containerausstellung zur Endlagerung radioaktiver Abfälle. Nach Angaben des Präsidenten des BfS, Wolfram König, soll die rollende Ausstellung mit ihren zwei knallgelben Containern auch Salzgitter und Wolfenbüttel anfahren,…
Kontakt
Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.
Rosenstr. 20, 29439 Lüchow
Tel. 05841-4684
FAX: 05841-3197
buero[ätt]bi-luechow-dannenberg.de
Öffnungszeiten
Montag-Mittwoch 10.00h - 15.00h
Donnerstag 12.00-18.00h
Freitag & Samstag geschlossen
Unser Spendenkonto
IBAN: DE 24 2585 0110 0044 0607 21
BIC-Nummer: NOLADE21UEL