Diese Zahl taucht in diesem Heft auch an anderer Stelle auf: Die Urananreicherungsanlage in Gronau läuft inzwischen ebenfalls 50 Jahre. Der Widerstand gegen diese Fabrik ist auch nie abgerissen, schildert Udo Buchholz. Die Besonderheit: diese Anlage ist wie die Brennelementefabrik in Lingen vom Atomausstieg ausgeschlossen, ihre Betriebszeit ist unbegrenzt, zu dem schon vorhandenen Atommüll kommt ständig weiterer hinzu.
Und auf den Müll, der unter Tage verbracht werden soll, schauen wir am 27. Oktober ganz besonders, weil die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) dann bekannt geben wird, ob auch die Tongebiete in Norddeutschland im Rennen bleiben bzw. welche Regionen bundesweit als „heiß“ gehandelt werden, wenn Ende 2027 die Regionen benannt werden, die für die Endlagerung laut BGE in Frage kommen. Dass wir an diesem Thema dranbleiben, versteht sich von selbst, denn bisher ist auch das Wendland mit vier Tongebieten im Endlagerauswahlverfahren noch dabei – das wird über das Aus des Salzstocks Gorleben oft vergessen.
Der Landkreis Lüchow-Dannenberg ragt heute in Gebiete Mecklenburg-Vorpommerns, Brandenburgs und Sachsen-Anhalts hinein, die von Wahlerfolgen der AfD geprägt sind. Bei den Landtagswahlen erreichte die AfD in Dömitz in unserer unmittelbaren Nachbarschaft 48,6 Prozent der Zweitstimmen, in Salzwedel 42 Prozent. Da machen sich die 15 Prozent bei den Kommunalwahlen in Lüchow-Dannenberg fast noch harmlos aus. Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt hatte die BI am Tag danach mit dazu aufgerufen, „gegen rechts“ ein Zeichen zu setzen, rund 500 Menschen kamen zur Kundgebung.
Dass wir uns an den Protesten gegen die AfD beteiligen, liegt auf der Hand. Sie macht sich u.a. stark für die Atomkraft und will Putins Gas. Eine faktenfreie Variante ihrer Erzählungen lautet: Der Strom in Deutschland ist so teuer, weil die Atomkraftwerke stillgelegt wurden und kein billiges Gas aus Russland mehr nach Deutschland fließt.
Dieses Narrativ beschert der politischen Rechten einen erkennbar großen Zulauf, gerade weil es alle ursächlichen Krisen (Putins Ukraine-Krieg, Trumps Iran-Krieg, menschlich verursachte Klimaveränderungen) mit all ihren gravierenden Folgen ausklammert.
Beim Rätseln darüber, wie das alles sein kann, bin ich auf den Psychoanalytiker Jacques Lacan aufmerksam geworden. Lacan spricht von einem „master signifier“. Das ist eine privilegierte Chiffre in einem diskursiven System, ein Ankerpunkt der Bedeutung, der Menschen mit ihren Erzählungen zusammenhält und ihnen Halt gibt - auch wenn diese Erzählungen nicht rational erklärbar sind. Die Erzählung kann sogar völlig inhaltsleer fortgesponnen werden, das erklärt ein trotziges Festhalten am Verbrenner, die Verteufelung der Windkraft und so fort. Alles was „Bio“ im weitesten Sinne ist, ist plötzlich „woke“ und wird bekämpft. Die Grünen bezahlten dafür bei den Bundestagswahlen 2025 einen hohen Preis. Heute rangieren alle Umweltthemen in Umfragen trotz Extremhitze, Waldbränden und Starkregen nur noch auf den mittleren und hinteren Plätzen.
Das zentrale Problem: Wie können wir wieder sachlich diskutieren? Wie schaffen wir es, diese geschlossenen AfD-Erzählungen wieder aufzubrechen? Dazu müssten wir allerdings selbst aus unserer eigenen politischen Blase aufbrechen und sie durchbrechen. Es reicht nicht als Reaktion auf die Wahlsiege der politischen Rechten, immer wieder „ein Zeichen“ zu setzen und sich selbst zu vergewissern, wie falsch all diese Erzählungen sind. Die „andere Seite“ erreichen wir damit nicht.
Die politischen Mischungszustände, die Vielfalt des 50 Jahre Gorleben-Widerstands, die Voraussetzung unserer großen Erfolge waren, können dazu ein gutes mutmachendes Beispiel geben.