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Atommüll-Zwischenlager Gorleben: 100 Jahre Augen zu ?

1900 Castoren mit hochradioaktiven Abfällen lagern in 16 deutschen Zwischenlagern. Sie sollten dort vorübergehend stehen – für 40 Jahre. Daraus werden nun mehr als 100 Jahre. Behälter, Gebäude, Genehmigungen – nichts davon war für so lange Zeit gemacht.

KOMPAKT
  • Die Anti-Atom-Bewegung ist nicht gegen Zwischenlager. Sie setzt sich aber dafür ein, dass Zwischenlager wirklich sicher sind.

1900 Castoren mit hochradioaktiven Abfällen lagern in Deutschland, verteilt auf 16 Zwischenlager: 14 an Standorten ehemaliger Atomkraftwerke, zwei zentrale Zwischenlager in Gorleben und Ahaus. Allein im Brennelementezwischenlager Gorleben stehen 113 Castoren – fünf mit Brennelementen, 108 mit in Glaskokillen eingeschmolzenem Abfall aus der Wiederaufbereitungsanlage im französischen La Hague. Zur Einordnung: Jeder einzelne Castor enthält radioaktive Nuklide in einer Menge, die mit der Gesamtfreisetzung während der Tschernobyl-Katastrophe vergleichbar ist. Im störungsfreien Betrieb sind die Abfälle sicher verwahrt – das stimmt. Aber ein geologisches Tiefenendlager bleibt die einzige über Millionen Jahre technisch und politisch sichere Möglichkeit der Verwahrung. Daran führt kein Weg vorbei.

Deutschland braucht also dringend ein Endlager. Doch die Suche verzögert sich dramatisch: Der ursprüngliche Plan sah eine Standortentscheidung für 2031 vor. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) bezeichnet dieses Ziel inzwischen als zunehmend unrealistisch. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) geht von frühestens 2046 aus – realistisch eher 2068. Das Öko-Institut rechnet frühestens mit 2074.

Nun soll die Suche per Gesetzesnovelle beschleunigt werden: Das Zieljahr wird ersatzlos gestrichen, Untersuchungsphasen zusammengelegt, die Erwartung lautet auf eine Beschleunigung um 20 Jahre mit Standortentscheidung 2050. Aber selbst dann folgt eine ernüchternde Rechnung: Bau und Inbetriebnahme benötigen weitere 20 Jahre, Transport, Konditionierung und Einlagerung von 1900 Behältern nochmals 30 Jahre. Abschluss der Einlagerung: frühestens 2100.

100 Jahre weiter so? Nein.

Für die deutschen Zwischenlager bedeutet das: noch weitere 80 bis 100 Jahre Betrieb – obwohl sie auf lediglich 40 Jahre ausgelegt und dafür genehmigt waren. In Zeiten, in denen die Bedrohungslage eine gänzlich andere war. Die für die Betreiberin bequemste Variante wäre: einfach weitermachen. Schließlich kam es während der ersten 40 Jahre zu keinem ernsthaften Schaden – da wird schon auch in Zukunft nichts passieren. Könnte es so einfach sein? Es wäre schön. Aber nein. Ein einfaches „Weiter so” vernachlässigt sträflich: Für Behälter und Zwischenlager waren über 40 Jahre hinausgehende Alterungs und Materialermüdungsprobleme nie Teil der Betrachtung. Auch der Stand von Wissenschaft und Technik hat sich fundamental weiterentwickelt: Es gibt neue Lösungen für bekannte Probleme, aber auch neue Herausforderungen. Zuletzt hat sich die allgemeine Sicherheitslage fundamental geändert: Es herrscht Krieg in Europa, die terroristische Bedrohungslage ist hoch. Der havarierte Reaktor in Tschernobyl wurde mit Drohnen beschossen und irreparabel beschädigt. Drohnen mit erheblichen Fähigkeiten sind zur für Terroristen einfach zugänglichen Massenware geworden. Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind keine theoretischen. Bleiben die Castor-Behälter langfristig dicht? Wie verhalten sich elastische Metalldichtungen unter starker Bestrahlung und hoher Temperatur bei mehr als 100 statt 40 Jahren Nutzung? Wann und wie oft sind die bekannt fehlerbehafteten Druckschalter zur Überwachung der Dichtheit auszutauschen? Wie verhält sich das radioaktive Inventar – wann werden Hüllrohre undicht, bleibt der Tragekorb stabil, droht sich Material am Castor-Boden unkontrolliert zu sammeln? Genügen Konstruktion, Bemessung und Materialbeständigkeit der Gebäude den Anforderungen der verlängerten Zwischenlagerung und neuer kritischer Lastfälle? Sind die Behälter gegen Störfälle und Einwirkungen Dritter (SEWD) ausreichend gesichert – durch gezielten Flugzeugabsturz zum Beispiel einer A380 im steilen Absturzwinkel, Hohlmantelgeschosse, Drohnenbeschuss? Existieren Notfall- und Rettungspläne, sind Feuerwehr und Rettungskräfte entsprechend ausgestattet? Und: Sind die Zwischenlager gegen die Auswirkungen des Klimawandels – insbesondere Überschwemmungen und Waldbrände – ausreichend abgesichert? Niemand hat diese Fragen bislang beantwortet.

Blaupause Gorleben

Die auf 40 Jahre Laufzeit begrenzten Genehmigungen aller deutschen Zwischenlager laufen in absehbarer Zeit aus. Gorleben ist 2034 als erstes an der Reihe, es folgen Ahaus 2036 und Greifswald/Lubmin 2039. Die Genehmigungen der restlichen Zwischenlager laufen zwischen 2042 und 2047 ab. Die für die Fortsetzung des Betriebs erforderliche Neugenehmigung muss durch die Betreiberin rechtzeitig beantragt werden. Da kein dediziertes Regelwerk zur Neugenehmigung existiert – und dieses entgegen der ursprünglichen Zusicherung des zuständigen Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) auch nicht als Verordnung geschaffen werden soll – wird unter Betonung der erforderlichen „Flexibilität” auf ein Sammelsurium von Leitlinien und Einzelregelungen zurückgegriffen, die jederzeit angepasst werden können. Flexibilität – das klingt nach Pragmatismus. Es ist vor allem ein Einfallstor für Absenkungen des Sicherheitsstandards. Dabei wird Gorleben als erstes neu zu genehmigendes Zwischenlager zur Blaupause: Die Regulierungsbehörde BASE wird am Beispiel Gorleben die Verwaltungspraxis etablieren, nach der Neugenehmigungen für alle deutschen Zwischenlager ablaufen werden. Mit allen Konsequenzen: Wird formal eine Neugenehmigung oder bloß eine Änderungsgenehmigung gefordert? Wird die Umweltverträglichkeit und Einbeziehung der Öffentlichkeit nach gesetzlichen Vorgaben geprüft, entfällt diese komplett oder wird sie unter Verweis auf eigene Rechtsauffassung der Regulierungsbehörden schlank gehalten? Die ersten Erfahrungen sind alarmierend. Sowohl die strategische Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für das Nationale Entsorgungsprogramm als auch die laufende UVP in Gorleben erwecken den Anschein, dass die Regulierungsbehörde unter minimaler Öffentlichkeitsbeteiligung eine schlanke, formaljuristisch korrekte Verlängerung anstrebt. Kritische Risikothemen werden als nicht zu betrachten deklariert, längst bekannte und adressierte Probleme werden nicht gelöst. Stattdessen gibt es eine Fülle von Veranstaltungen auf Laienniveau mit Hochglanzinformationen, die die immergleichen Problemfelder der Castor-Sicherheit und -Sicherung neu identifizieren. Wo bleibt das längst überfällige übergreifende Notfall- und Reparaturkonzept für havarierte Castor-Behälter? Was passiert wirklich bei einem Angriff mit Austritt von radioaktivem Inventar aus zerstörten Castoren in die Umgebungsatmosphäre? Wie erfolgt der sichere Transport von über 100 Jahren alten Castoren in ein Endlager?

Forderungen

Für die verlängerte Zwischenlagerung in Gorleben und darüber hinaus braucht es konkrete Maßnahmen – jetzt, nicht irgendwann. Bei den Castor-Behältern sind ein engmaschiges Monitoring der Inventarintegrität durch wiederkehrende Gamma- und Neutronenmessungen an der Behälteroberfläche sowie permanente Echtzeitmessungen über ein Detektornetz je Zwischenlager erforderlich, außerdem ein präventiver Austausch der fehlerbehafteten Druckschalter mit dauerhafter Verfügbarkeit von Ersatzteilen vor Ort. Für Gebäude und Krananlagen braucht es zudem die Offenlegung der Zustandserfassung, eine kontinuierliche Materialalterungsüberwachung und die Nachbemessung auf neue kritische Lastfälle. Gegen Störfälle von außen, Terror und Krieg sind ein unmittelbar wirksames Überflugverbot mit Drohnenabwehr und eine kurzfristige Einhausung und Verbunkerung der Lager vonnöten. Auf Bundesebene sind darüber hinaus standortübergreifend ein Beteiligungsprozess sowie ein lernendes Regelwerk als Verordnung gleichrangig mit dem Atomgesetz, das den Stand von Technik und Wissenschaft berücksichtigt, offene Fragen benennt und Forschungsvorhaben transparent dokumentiert, erforderlich. Auch ein Notfall- und Reparaturkonzept für CASTOR-Schäden jenseits von Deckelundichtigkeiten und ein Notfall- und Katastrophenplan in Abstimmung mit allen Hilfs- und Rettungsdiensten sowie ein erweitertes Forschungsprogramm zu Gebäude- und Materialalterung und zur Übergabe ans Endlager sollten selbstverständlich sein.

Bewegung

Der Atommüll und die Verlängerung der Zwischenlager werden Mensch und Natur in allen Bundesländern noch bis zum Ende des Jahrhunderts belasten. Diese Forderungen werden nur dann bei Politik, Regulierungsbehörden und Betreibern Gehör finden, wenn Anti-Atom-Initiativen sie auf allen Ebenen immer wieder zur Sprache bringen. Die Anti-Atom-Bewegung kann nur erfolgreich sein, wenn sie sich über alle Zwischenlagerstandorte hinweg vernetzt, stärkt und in engem Schulterschluss gemeinsam agiert. Auf drei Ebenen ist abgestimmter Einfluss möglich und nötig. Politisch braucht es einen Beteiligungsprozess auf Bundesebene, der die Fragen und Sorgen der Menschen vor Ort als treibende Kraft für die notwendige Sicherheit wirksam einbindet. Überregional ermöglichen abgestimmte Positionen und konzertierte Aktionen der Anti-Atom-Bewegung starken Einfluss auf alle politischen Ebenen. Und lokal bildet das Zwischenlager Gorleben das Fundament: Die etablierte Anti-Atom-Widerstandsbewegung im Wendland konzentriert sich neu auf die Härtung von Sicherheit und Sicherung des Zwischenlagers – und ist damit wegbereitend für alle Zwischenlager in Deutschland. Die Anti-Atom-Bewegung ist nicht gegen Zwischenlager. Sie setzt sich aber dafür ein, dass Zwischenlager wirklich sicher sind.

Positionspapier

70 Anti-Atom-Initiativen und Umweltverbände positionieren sich gemeinsam zur Zukunft der Zwischenlagerung hoch radioaktiver Abfälle. (November 2018)

Bis 2011: Castortransporte

castor1995

Zwischen 1995 und 2011 eskalierte der Konflikt um die deutsche Atompolitik in der Regel einmal im Jahr auf den wendländischen Straßen. Immer dann, wenn der Castor kam.

Inventar

In der Zwischenlagerhalle für hochradioaktiven Müll in Gorleben (TBL-G) stehen nach der Anlieferung von über einem dutzend Castortransporten heute 113 Atommüllbehälter unterschiedlicher Bauart mit unterschiedlichem hochradioaktivem Inventar:

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