“Wir stellen uns quer!” – Vor 20 Jahren wurde der erste Castor nach Gorleben transportiert

Am 25. April 1995 war es soweit. Der erste Castor traf in Gorleben ein. Er kam aus Philippsburg und enthielt abgebrannte Brennelemente. 15.000 Polizisten “sicherten” den Transport.

Proteste gegen Castor Transport, 25. April 1995

Proteste gegen Castor Transport, 25. April 1995

Beim Beladen im AKW Philippsburg ging so einiges schief, was Angela Merkel, die damalige Umweltministerin, mit den Worten quittierte, das sei wie beim Kuchenbacken, da ginge auch schon mal etwas Backpulver daneben. Bei ihrem Besuch in Lüchow im März 1995 bekam sie dafür die Quittung, sie musste den Tagungsort unter einem Regenschirm wegen der Mehl- und Backpulverschwaden in der politisch aufgeheizten Luft verlassen….

Die Castortransporte haben das Leben im Wendland nachhaltig verändert. 10 Jahre lang konnte durch einen Mix von Prozessen, Aktionen und politischer Intervention der erste Castor verhindert werden. Doch dann hieß es mindestens einmal im Jahr “Castor-Alarm”, man stellte sich quer, auf der Straße und – am Anfang sehr zögerlich – auf der Schiene. Tausende von Polizistinnen und Polizisten fielen wie eine Armada ins Wendland ein.

13 Mal schlug es 13 und 113 Behälter stehen derzeit im Gorlebener Tann´. Zur Zeit gibt es einen Castor-Stopp und die Ausbauarbeiten im Endlagerbergwerk ruhen. Doch der Gorleben-Konflikt ist noch lange nicht Geschichte. E.on klagt und möchte die 26 Castor-Behälter mit dem hochradioaktiven WAA-Müll weiter in Gorleben einlagern. An einen wirklichen Neustart der Endlagersuche glaubt im Wendland niemand, solange der Salzstock Gorleben “im Topf” ist.

Die Bürgerinitiative Umweltschutz und das Gorleben Archiv luden am 25. April um 16 Uhr zu einer Veranstaltung ins Gorleben Archiv ein, mit persönlichen Rückblicken und politischen Aussichten, mit Fotos und Zeitzeugen.

Wie war das vor 20 Jahren? War es die endgültige “Inbetriebnahme Gorlebens”, nachdem im Herbst 1984 schon die ersten Atommüllfässer angeliefert wurden? Oder war der erste Castor mit dem größten Polizeieinsatz der Nachkriegsgeschichte schon der Anfang vom Ende Gorlebens? Welchen Beitrag hat der Gorleben-Konflikt für den Atomausstieg gespielt?

In der Debatte um diese Fragen wurde kritisiert, dass eine tatsächliche und gefühlte “Niederlage” von uns vorschnell zu “Erfolgen” uminterpretiert wurde. Dass man sich vergeblich gegen die Inbetriebnahme Gorlebens angestemmt hatte, wurde sehr wohl als Niederlage empfunden, unterstrichen mehrere Veranstaltungsteilnehmer_innen. Politik und Polizei aber hätten große “handwerkliche” Fehler gemacht. Die Bilder von prügelnden Polizisten gingen um die Welt, David wehrte sich gegen Goliath mit dem Mut der Verzweiflung und das Wendland mutierte in der Folgezeit zu dem Ort, wo man mindestens einmal im Jahr auf der Straße und der Schiene Gegenwehr leistete. Die Bilder des blutüberströmten Landwirts Adi Lambke, den die Polizei mit Schlagstöcken aus seinem Gefährt geprügelt hatte, gingen 1996 durch die Medien. Beim Castortransport 1997 blockierten 8.000 Menschen die Ausfahrt der Verladestation in Dannenberg, wo die Behälter von der Schiene auf Straßentransporter umgeladen wurden und die Polizei schlug wahllos auf die Blockadeteilnehmer_innen ein.

Wolfgang Ehmke fasst die Ergebnisse der Diskussion zusammen:

“Das Wendland wurde in der Folgezeit der Kristallisationspunkt der Anti-Atom-Bewegung. Der Castor wurde zum rollenden Symbol für die ungelöste Atommüllentsorgung, vernetzte in der Folge entsprechend des Streckenverlaufs von La Hague bis Gorleben vielfältige Initiativen und mobilisierte die Empörung. So konnten die politischen Forderungen artikuliert werden:  Atomausstieg sofort – kein Endlager im Salzstock Gorleben. Demonstrationsverbote unterhöhlten die demokratischen Grundrechte  und die private Müllabfuhr der Konzerne erhielt staatlichen Geleitschutz. Der Super-Gau in Tschernobyl vom 26. April 1986 hat mit dazu beigetragen, dass die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf nicht realisiert wurde. Nach der  Tragödie von Fukushima gingen Hundertausende auf die Straße, das Ergebnis war ein Zurückrudern der Merkelregierung, die noch im Jahr 2010 die Laufzeitverlängerunge der Atomkraftwerke beschlossen hatte und das Moratorium im Endlagerbergwerk Gorleben aufhob. Die latent vorhandene atomkritische und -feindliche Stimmung in der Bundesrepublik verebbte nicht, sie wurde durch den Castor-Protest gespeist. Der Atomausstieg ist absehbar, welchen Umgang es mit dem Atommüll geben wird und was aus dem Endlagerprojekt in Gorleben wird, allerdings nicht. Wir arbeiten dran.”

Waren Sie schon mal im Gorleben Archiv? Unser aller Geschichte wird dort “aufbewahrt”, als Gedächtnis des bald 40 Jahre währenden Widerstands.

Wolfgang Ehmke, Pressesprecher, Tel. 0170 – 510 56 06

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Musterbeispiel für eine verfehlte Atommüllpolitik, jedoch als möglicher Standort bei der Endlagersuche fortgeschleppt:

Aus Gorleben kann viel gelernt werden. So, wie in Gorleben, geht es eben nicht!
Neun Experten nehmen Stellung.
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