Ein wunderschöner Platz, Bäume, ein Brunnen, drei rührige Initiativen mit ihren Ständen – aber kaum Leute. Aus sicherer Entfernung beobachten uns ein paar Cafe-Gäste über den Rand ihrer Latte-Gläser. Träge Samstagmorgenstimmung…

Megaphon-Kommandos, Aufbau unseres Gerüstes, Clownereien von Willem und Peter, ein frischer Auftritt von ‚Direkt’ – viel Gerödel also, aber der Funke will und will nicht überspringen. Doch! Irgendwann kommt ein Herr und beschwert sich über den Lautsprecherlärm: „Man hört euch bis dahinten, man kann nicht mal mehr telefonieren!“ Sollen wir unsere Botschaft vielleicht in Gebärdensprache vermitteln?

Die „Mütter gegen Atomkraft“, das „Umweltinstitut München“ und das „Aktionsbündnis Neue Energien“ haben sich alle Mühe gegeben, diesen Vormittag mit uns zu gestalten, aber der Erfolg, wenn er sich denn messen lässt, ist nur mässig. Immerhin: Regina und andere, die die Stände betreuen, berichten später über viele solide und interessante Gespräche. Qualität vor Quantität also. Aber lohnt es sich, hier vor so wenigen Leuten Theater zu spielen? Wir tun es trotzdem. Schon allein deswegen, damit Anja sich in ihre neue Rolle als Polizist einfuchsen kann. Den Gurken-Sketch gibt es auch. Niels will ihn sich noch einmal ansehen, bevor er ihn morgen von Peter übernimmt. Inzwischen gibt Gerd einem Freien Radio ein langes, langes Interview. Was hat der Mann nur mit all seinen O-Tönen vor? Plant er eine einstündige ‚Brennpunkt’-Sendung?

Haben wir schon erwähnt, dass inzwischen KerstinR zu uns gestossen ist? Zusammen mit Andreas und Karin, die an diesem Morgen jeden Schritt und jeden Act von uns filmen und fotografieren: The Making of Atomausstieg. Wir fühlen uns komplett dokumentiert. Danke! Morgen werden uns dann andere verlassen: Willem und Oskar, Peter und Birgit. Schnüff!!!

Noch jemand ist dazugekommen. Daniel aus Nürnberg hatte unseren Auftritt dort verpasst und hat sich heute morgen kurz entschlossen in den Zug nach München gesetzt. Jetzt steckt er schon seit Stunden in einem weissen Overall und denkt laut darüber nach, dass die Mitarbeit in so einer Gruppe doch eigentlich verdammt viel Spass macht. Nürnberger, schnappt ihn euch! (Danke übrigens, Daniel, für den einleuchtenden Vergleich zwischen Gentechnik-Risiken und der Unkalkulierbarkeit von Computersoftware! Gentechnik ist abstrakt, abstürzende Programme kennt jeder)

Am Nachmittag sind wir auf das Sommerfest der ‚Seidlvilla’ eingeladen. Es gibt ‚Steckerl-Fisch’, Bratwürstl und Bier, und zwischen Jazz und A-capella-Gesang auch eine halbe Stunde ‚Mini-Dramen aus Lüchow-Dannenberg’. Der Garten ist proppenvoll und wir lassen es uns erst einmal schmecken. Um 17 Uhr dann ein Kurz-Programm mit Willem und seinen widerständischen Zaubertricks, Direkt-Gesang, Peter als Gurken-Entsorger und Kurt mit seinem plattdeutschen ‚Muul up!’. Wer schon mal in einem Münchner Biergarten war, der kennt das babylonisch-bajuwarische Stimmengewirr dort. Kurzum: wir haben es ziemlich schwer, mit unserer Botschaft über die ersten drei Reihen hinauszukommen. Die Resonanz ist sehr unterschiedlich: spöttische Kommentare von Befürwortern, wohlwollender Applaus von anderen, ausdrückliches Lob und einiges an Spenden. Prima! Eine ältere Dame allerdings macht uns heftige Vorwürfe. Durch den Gurken-Sketch würden die hier anwesenden Kinder „traumatisiert“. Sie meint es offenbar sehr ernst, redet erregt auf uns ein. Die schlagfertigste Antwort kommt von Ali: „Versteh nicht. Meinen Sie die Gurke oder den Mann?“

Ob die Frau eine Ahnung davon hat, was in unsern Kindern vorgeht, wenn sie in ihren Dörfern während der Castor-Transporte tagelang Ausnahmezustand mit Polizei-Kesseln und Hubschraubergedröhn erleben müssen?! Wie sie sich fühlen, wenn alle Jahre wieder eine Armada von Polizisten einen atomarer Geisterzug durch ihr Dorf prügelt?! Glückliches München! Hier bekommen die Kinder Traumata von zerschnippelten Salatgurken.