GORLEBEN RUNDSCHAU

Die Gorleben Rundschau ist das Mitteilungsblatt der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.
Sie erscheint etwa alle zwei Monate und wird an interessierte Leserinnen und Leser kostenlos verschickt.

Ausgabe Oktober-Dezember 2022

Drei Botschaften habe ich dem Ergebnis des „Stresstests für das deutsche Stromnetz“, den der Wirtschaftsminister für den Winter 2022/23 bei den Stromnetzbetreibern in Auftrag gegeben hatte, entnommen.

Erstens: Atomkraft könnte keinen oder allenfalls einen marginalen Beitrag im Promillebereich zur Kompensation ausbleibender Gaslieferungen leisten. Zur Einordnung: Im Wohnbereich würde allein der Einbau elektronischer Heizkörperthermostate circa 10 Prozent, eine generelle Temperaturabsenkung um nur ein Grad weitere 6 Prozent Energie einsparen.

Zweitens: Die von verschiedenen Medien und Parteien herbeigeredete „Stromlücke“ im nächsten Winter ist in Wahrheit extrem unwahrscheinlich und träte nur beim gleichzeitigen Eintreten aller ungünstigsten Faktoren auf. Ein derartiges Ergebnis wäre bei vernünftigen Erwägungen natürlich zu erwarten. (Nach dem Motto: „Wenn ich arbeitslos werde und ich mir das Bein breche und das Auto kaputt geht und die Wohnung gekündigt wird und meine Familie mich verlässt ... “)

Drittens: Träte eine Stromlücke dennoch auf, läge diese weniger an den Folgen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine als daran, dass unser Nachbarland Frankreich – im Schulterschluss mit Bayern ... – den Umstieg auf erneuerbare Energien gründlich verschlafen hat und stattdessen immer noch in so hohem Maße auf die veraltete und störungsanfällige Atomkraft setzt. Wegen Korrosionsschäden musste Frankreich dieses Jahr zwölf seiner maroden Atommeiler abschalten, wegen dringender Wartungsarbeiten weitere 18, insgesamt also 30 der 56 Atomreaktoren im Land. Die Tatsache, dass all diesen Atomreaktoren das dringend benötigte Kühlwasser wegen der Klimakatastrophe fehlte, findet dabei noch gar keine Erwähnung ...

Eine weitere Erkenntnis gibt es übrigens in diesem Zusammenhang noch obendrauf: Die extrem klimaschädlichen Steinkohlekraftwerke könnten vom Nachschub abgeschnitten werden, weil der Wasserstand der europäischen Flüsse eben wegen diesen Klimafolgen nicht mehr ausreicht, ihnen die benötigte Steinkohle zuzuführen. Ein Schelm, wer hier Selbstheilungskräfte unseres lebendigen Heimatplaneten Gaia auszumachen meint ...

Obwohl dieses bei Stromerzeugern und Netzbetreibern in Auftrag gegebene Gutachten bei kritischer Würdigung also auch als flammendes Plädoyer gegen Atomkraft und fossile Energieträger gelesen werden kann, versuchen konservative, neoliberale und rechte Kräfte im Lande daraus Argumente für den Weiterbetrieb oder gar Wiedereinstieg in den Dinosaurier Atomkraft herzuleiten. Dahinter steht natürlich nicht nur ideologische, nukleare Verblendung. Es scheint auch ein eiskaltes, wahltaktisches Kalkül zu sein für den Fall, dass die gestiegenen Energiepreise weiter öffentliche Empörung auslösen oder im Wohlstandstaat sogar Versorgungslücken auftreten sollten, um dann nachträglich behaupten zu können, man habe ja bessere Vorschläge unterbreitet. Auf die Belastbarkeit derartiger Behauptungen und die komplexen Gegenargumente käme es dann in der kurzlebigen parlamentarischen und öffentlichen Debatte vielleicht gar nicht mehr an.

Dabei findet der wirkliche Stresstest gerade 2000 Kilometer östlich von den für einen „Reservebetrieb“ auserkorenen AKW Isar 2 und Neckarwestheim statt. Keine 50 Kilometer neben dem mit Abstand größten europäischen Atomkraftwerk hat das ukrainische Personal der Geburtsklinik Saporischschja in seiner berechtigten Sorge vor einem Super-GAU bereits Jodtabletten an die Schwangeren und Mütter ausgeteilt und einen provisorischen Schutzraum mit Inkubatoren, Betten und Sandsäcken im Keller eingerichtet. Die wirkliche Bedrohung unserer freiheitlichen Gesellschaft und einer lebenswerten Zukunft besteht eben nicht in den Sorgen neoliberaler Investoren oder irgendwelcher Blackrock-Manager, sondern trotz der komplexen Erkenntnisse des 21. Jahrhunderts leider immer noch in der brutalen Realität des Krieges. Und auch dieser Krieg wird, wenn es vordergründig manchmal anders scheinen mag, womöglich weniger um Ideologien und Nationalismen geführt als vielmehr um Ressourcen, Rohstoffe und fossile Energien.

Und wem dies nicht klar ist: Der europäische und deutsche Reichtum ist nicht nur auf russisches Gas, Öl und Kohle gegründet. Auch die Hälfte des in Europa „verbrannten“ Urans stammt aus Russland oder von seinen assoziierten Verbündeten. Der russische Staatskonzern Rosatom baut (in Kooperation mit Siemens übrigens) „neue“ Atomreaktoren in der Türkei, in Bulgarien und in Ungarn. Und trotz des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges darf Rosatom über die Uranfabrik im niedersächsischen Lingen weiter französische Atomkraftwerke mit dem Stoff beliefern, aus dem die Bombe ist.

Dieser Wahnsinn muss aufhören. Nicht irgendwann, sondern heute. Keinen Tag länger! Atomausstieg jetzt! Atomwaffen weltweit ächten! Sofort.

Martin Donat,
Vorsitzender der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg

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