GORLEBEN RUNDSCHAU

Die Gorleben Rundschau ist das Mitteilungsblatt der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.
Sie erscheint etwa alle zwei Monate und wird an interessierte Leserinnen und Leser kostenlos verschickt.

Ausgabe März / April 2021

Editorial

Als ich im Winter 2014 mit Greenpeace nach Fukushima kam, traf ich dort neben anderen Zeugen der nuklearen Katastrophe auch den Milchbauern Herrn Hasegawa. Während seines bedrückenden Berichtes schweiften meine Gedanken immer wieder ab zu meinem langjährigen Nachbarn von der Bäuerlichen Notgemeinschaft. Erst anhand der persönlichen Schicksale wurde mir richtig klar, dass hier in Japan real eingetreten war, wogegen wir im Wendland und anderswo Jahrzehnte gekämpft hatten. „Wir können unseren Boden nicht einrollen und mitnehmen“ sagten unsere Bauern. Denn sehen konnte man die fatalen Folgen nicht, nur die Verwüstungen des Tsunamis und die absurden Reste der hilflos anmutenden Aufräumarbeiten und „Dekontaminierungen“.Der Gemüsegärtner Herr Kanno schilderte, was es hieß, nie wieder auf seine geliebten Äcker zu dürfen, Frau Sugano rang schwer um ihre Fassung, als sie erzählen musste, dass sie aus Unkenntnis ihre Kinder noch lange im Garten spielen ließ, dessen Boden sich bei einer Untersuchung als Atommüll herausstellte, und Herr Idogawa, adeliger Bürgermeister der evakuierten Stadt Futaba, berichtete von der restlosen Zerstörung seines uralten Gemeinwesens, dem die Atomindustrie haltlose Versprechungen von Sicherheit gemacht hatte. Es ist kulturell begründet, dass alle diese Zeugen nur sachlich und distanziert berichten. Erst als das Ehepaar Okawara, dass früher einen Bioladen und nun eine unabhängige Messstation für Kindernahrung betrieb, ihre Erlebnisse in einem Puppenspiel darstellte, dessen Handpuppen ihren Gefühlen Ausdruck verleihen durften, brach es aus uns heraus. Und erst später mischte sich unter die Trauer und das Entsetzen über die Dimension der Katastrophe auch die Wut.

Die letzte Nacht in Japan durfte ich in Gesprächen mit dem in Japan lebenden Journalisten und Filmemacher Pio d’Emilia verbringen, einem Freund und Vertrauten des damaligen Premierministers Naoto Kan und er berichtete, wie dieser von einem politisch-industriellen Komplex abserviert wurde, nachdem er unter den Eindrücken der Fukushima-Katastrophe zum vehementen Atomkraftgegner geworden war.

Zwei Jahre später kam Naoto Kan auf Einladung des internationalen Literaturfestivals „Lesen ohne Atomstrom – die erneuerbaren Lesetage“ nach Hamburg und machte deutlich, dass es ihm ernst ist mit der Forderung nach dem Atomausstieg. Seine Worte sollten in der internationalen Politik einiges Gewicht haben, denn er war der Premier eines Landes, das seinen Energiebedarf ursprünglich zu einem Drittel aus Atomstrom deckte und schlagartig gezwungen war, diesen Anteil auf Null zu senken. Obwohl dies aber möglich war, will eine andere Regierung in Japan nun auf dem Weg zur Klimaneutralität nicht nur an der Atomkraft festhalten, sondern sogar eine Plutonium-Wiederaufarbeitungsanlage in Betrieb nehmen, deren Start schon 24 Mal verschoben wurde und die jährlich zehnmal mehr Tritium ins Meer einleiten wird, als in Fukushimas 1000 Wassertanks lagert. Der wahre Hintergrund ist jedoch der Versuch, den in Japan lagernden Stoff für 6000 Atombomben im Brennstoffkreislauf zu halten. Denn in Japan gibt es weder ein Zwischenlager, noch kann es in dem Erdbeben-geschüttelten Land ein Endlager geben...

Radioaktivität kennt keine Grenzen. Unser Widerstand auch nicht! Eine erneuerbare Zukunft kann es nur ohne den Irrsinn der Atomindustrie geben.

Martin Donat, Vorsitzernder der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg

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