GORLEBEN RUNDSCHAU

Die Gorleben Rundschau ist das Mitteilungsblatt der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.
Sie erscheint etwa alle zwei Monate und wird an interessierte Leserinnen und Leser kostenlos verschickt.

Ausgabe Januar-März 2022

Es ist beileibe nicht nur Greta Thunberg zu verdanken, dass Schweden im Besonderen und ganz Skandinavien im Allgemeinen als vorbildlich gelten in Sachen Umweltschutz. Eine gut geölte Werbe-Maschinerie läuft da, die uns „die letzte Wildnis Europas” als Reiseziel nahelegt, angereichert mit Fotos exotisch anmutender Zutaten wie Rentier und Elch und den farbenfrohen Trachten der Samen. Erzählungen von Reiserückkehrern, die von wilden Wasserfällen, unendlichen Wäldern und einsamen Seen handeln, schmücken unser Bild vom Norden weiter aus.

Wer aber mit umweltpolitisch trainierten Augen durch Mitternachtssonne oder Polarnacht reist, kommt nicht umhin, zu erkennen, dass der Mythos vom ungezähmten, ursprünglichen Norden nicht nur falsch ist, sondern mächtigen Industrieinteressen geradezu in die Hände spielt: Vor der Kulisse einer gesunden Erde lässt sich selbige ohne großen Widerstand trefflich ausbeuten: Holz und Erze nach Süden, Waren über neue Trassen nach Norden, um sie über die Barentsee und den Arktischen Ozean irgendwann einmal schneller nach Asien transportieren zu können. Da mag so manch ein Industriekapitän darauf hoffen, dass diese Meere demnächst ganzjährig eisfrei bleiben … Damit folgen die heutigen Bewohner:innen des „Dachs Europas” ihren Urahnen, die schon im Mittelalter wegen der Vorkommen von Metallen und Holz den Norden besiedelten und begannen, die Sami zurückzudrängen, zu christianisieren und zu drangsalieren.

Was im Wilden Westen geschah (und geschieht), geschah (und geschieht) im Hohen Norden in ganz ähnlicher Weise. Straßen und Züge, Brücken und Tunnel, Flughäfen, Auto-Teststrecken, Erzminen gewaltigen Ausmaßes und ein steter Zuzug aus dem Süden machen den Ureinwohnern des Nordens zunehmend zu schaffen. Ihre stille Lebensweise ohne Zäune, ohne Ländergrenzen, ohne übermäßige Beanspruchung und – hier darf man’s wirklich mal sagen – im Einklang mit der Natur steht im krassen Gegensatz zu den (be)herrschenden Schweden, Norwegern und Finnen mit einer zunehmend lauten und – aus Sicht der Sami – vulgären Lebensart.

Gegen die gnadenlose Ausbeutung regt sich aber auch Widerstand in Sápmi, dem Land der Samen. Durch die Urweinwohner selbst, aber auch durch Bürger:innen wie Lena Lagerstam, so etwas wie die Marianne Fritzen von Norrland. Beiden Damen, Marianne und Lena, lagen und liegen die sichere Verwahrung des nun mal vorhandenen Atommülls am Herzen. Schweden und Finnland schienen da lange auf einem guten Weg zu sein, doch die Mühen der Ebene sind in beiden Ländern längst nicht überwunden, von Rückschlägen, gerade in Schweden, ganz zu schweigen.

Deutschland geht seit nunmehr acht Jahren einen neuen Weg bei der Suche nach einem, nun ja, „End“-Lager. Ausgelöst durch den schier unüberwindlichen Widerstand gegen den Castortransport vor zehn Jahren, wurde zunächst zäh um ein Gesetz gerungen, bis mit der Fachkonferenz Teilgebiete vor rund einem Jahr erstmals zur Bürgerbeteiligung aufgerufen wurde. Mit bescheidenem Erfolg indes: Die Partizipation „erreichte den Hof mit Müh’ und Not”, deklamieren die einen, andere konstatieren: „Das Kind war tot.”

In wenigen Tagen nun feiern wir die Geburt eines Kindes und freuen uns auf ein paar, dieses Jahr wenige, freie Tage.

Im Namen der Redaktion und des Vorstands der Bürgerinitiative wünsche ich Ihnen und Euch frohe Weihnachten, ein rundum gutes neues Jahr – und ein paar anregende Stunden mit dieser neuen Ausgabe auf den Knie.

Andreas Conradt
verantwortlicher Redakteur der Gorleben Rundschau

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