Die Busfahrt heute Morgen ist geprägt von den Kloschwaden, die zunehmend aus der von uns nicht benutzten Bordtoilette dampfen. Unser Ersatzbus hatte wohl entgegen aller Beteuerungen doch eine kleine Kläranlagenfüllung im Abwassertank. Wir behelfen uns mit Räucherstäbchen. „Kerstin, Kerstin Wittstamm“ wie Söhnchen Onno seine Mama immer ruft, weil wir ja zwei Kerstins an Bord sind, hält uns mit einer Versteigerung (unserer eigenen!) Fundsachen bei bester Laune.

Von Freistadt geht’s nach Landshut, die Fahrt klappt prima.

Am Atomkraftwerk Isar erwarten uns die örtlichen Initiativen. Dazu auch Polizei und Werkschutz, mir sam in Niederbayern! Herzliche Begrüßung, wir bekommen Köstlichkeiten für das spätere Picknick auf der Landshuter Tribüne, fahren zum Fototermin an einen weiteren Ort. Seht selbst:

Lieber aktive als radioaktive Reisegruppe vor Isar

Lieber aktive als radioaktive Reisegruppe vor Isar

Begleitet werden wir von einem Streifenwagen. Eilt uns unser Ruf voraus? Auch Zivilbeamte stehen im Auto am Straßenrand und filmen unseren schick beklebten inhaltlich korrekten BI Tournee- Bus.

Dann geht es in die Landshuter Innenstadt. Direkt eröffnet die Szene, was machen wir nur, wenn unsere Mädels näXte Woche in den Urlaub düsen? Schnief.

Theater, Wiederaufarbeitungsgurken, diesmal ist Günter unser unverbesserlicher Wissenschaftler.

Die Resonanz ist klasse, nicht nur unsere befreundeten MitstreiterInnen begeistern wir, es ist eine belebte Menge am Stadttor, die voll mitgeht bei unseren pädagogisch ausgefeilten Agitationsdramen. Fernsehen, Radio, Zeitung, die Medien interviewen uns, unser Besuch wird weitere Kreise ziehen.

Ganz in unserem Element, folgt auf unsere Darstellung ein Kaffeetrinken auf der Tribüne inmitten der Landshuter Innenstadt. Erwin von der BI Niederaichbach (stillgelegtes und abgerissenes AKW, hat nie richtig funktioniert), Hedwig (Kreistagsabgeordnete), Ingrid und Louis vom Bürgerforum gegen AKW, Thomas von der BI gegen Isar I, Josef und Kathy vom Bund Naturschutz, Rosi von den Grünen und weitere örtliche Aktive plauschen bei Kaffee und leckerem selbstgebackenem Kuchen in großer Auswahl und von enormer Köstlichkeit.

Dann geht’s los zu einer Stadtführung, wir bekommen eine Menge mehr zu sehen, als AKW und Zwischenlager, eine Städtereise quer durch Europa steht nebenbei auf dem Programm.

Und heute ist es soweit: ein Badesee, ja wir fahren an den See. Erwin lotst uns mit seinem Motorrad auf dem Weg zu unserem Übernachtungsquartier zum kühlen Nass. Eine tolle Erfrischung, fast alle hüpfen ins Wasser, einzig der Dampf aus dem Kühlturm, der über den Bäumen aufsteigt, erinnert an die Mission unserer Reise.

Kurze Lagebesprechung für den morgigen Tag, wir pflegen unsere Basisdemokratie. „Kerstin, Kerstin Wittstamm“ besteht auf eine Reinigung der Toilette. Alle pflichten ihr bei, so kanns nicht weitergehen. Wir steuern einen Freund von Erwin an, der Busunternehmer ist und um die Ecke vom Badesee lebt. Leider treffen wir ihn nicht an. Am Übernachtungsort, einem Gasthof angekommen, nimmt sich Ardeshir des Problems an. Er findet nach telefonischer Anleitung des heimischen Busunternehmens alle Hebel und Knöpfchen, um nach Öffnen der Abwassertanks die anschließende handwerkliche Reinigung der Bordtoilette vorzunehmen. Später gibt es einen großen Jubel von uns allen, tatsächlich, es hat geklappt, endlich können wir die Wäscheklammern von den Nasen nehmen.

Die lieben Leute von den Initiativen unterstützen uns durch ihren Empfang, sie geben was zum Tanken in die Sammeldose, laden uns zur Übernachtung ein und spendieren uns das Abendbrot im Gasthaus. Florian der Dritte, sein Vater und sein Großvater sind Florian der Zweite und Florian der Erste, bedient uns auf Inlinern. Wow!

Der Abend ist voller Infos, „zu Haus“ war Trägerkreistreffen für die Demo, das Bundesumweltministerium hat die Sicherheitsanforderungen für die Endlagerung veröffentlicht, Martins Waschmaschine ist kaputt, er hat eine in Hamburg besorgt, sie angeschlossen, Wäsche gewaschen, funktioniert, deshalb aber kaum Schlaf abbekommen und wird nun erst später als gedacht nach Benken kommen (wo wir morgen landen).

Der Freund des Wirtes, wo wir nächtigen und die Akkus laden, die unserer mobilen Geräte und unsere eigenen, hat uns beim Hausvater, einem Befürworter der Atomenergie, einquartiert.

Vor der Nachtruhe entspinnt sich eine Grundsatzdebatte. Wir können auch nie mal richtig abschalten! Allen voran ist Jutta die Unermüdbare in Sachen „was sie schon immer über Atomkraft wissen wollten und sich nie zu denken wagten“.

Anja, Nicole und Mine erschrecken durch ihre Anpassungsfähigkeit. Kaum eine halbe Stunde ist vergangen, seit wir mit den lieben NiederbayerInnen um eine große Tafel zusammenhocken, schon
„schwoatzen se bayyyyyyrrrrrrrrriesch“. „Aschlings“ ist nichts obszönes, es heißt einfach rückwärts. „Pfüat euch!“