Gestern Abend ist nach dem ersten 36 km Stau seines Lebens unser stellvertretender Landrat und Atomausschussvorsitzender Martin zu uns gestoßen. Leider sehr spät am Abend, aber noch Zeit genug, dass Martin aus Rheinau und Martin aus dem Wendland über alles, was die Welt bewegt philosophieren konnten. Wir haben hoffentlich nicht gestört?!

Morgens geht es in aller Frühe weiter, unser heutiges erstes Ziel ist Freiburg. Wir kreiseln durch wunderschöne Landschaft, der Schwarzwald gibt uns ein Gefühl von Karusellfahren.

In Freiburg werden wir bereits von Eva – von den EWS, Elekrtizitätswerke Schönau – und etlichen Aktiven, darunter Coinneach (im Stadtrat), mit dem wir noch länger schnacken, erwartet.

Leider regnet es in Strömen, was uns Verrückte nicht davon abhält, das Endlagersuchgerät aufzubauen und volles Programm zu bieten. Der Leiter des Konzerthauses pendelt zwischen genervtem Rumgestänker und hilfreichem Strom zur Verfügung stellen. Haben wir ihn umgedreht?

Vier Leute springen behelmt und in weißen Strahlenschutzanzügen gleichzeitig bei drei zwei eins „Hopp“ auf dem Planquadrat X und siehe da: die seismographischen Voruntersuchungen laufen hervorragend und bringen unerwartet positive Ergebnisse: Freiburg ist in der engen Wahl für eine vergleichende Standortsuche für ein Atommüllendlager! Wer hätte das gedacht? Alle bisher untersuchten Orte haben sich mindestens als wenigstens genauso schlecht geeignet erwiesen wie der Salzstock in Gorleben. Freiburg, wir gratulieren!

Busfahrer Gerhard muss eine Pause von mindestens 24 Stunden machen. Also organisieren die Schönauer Stromrebellen einen Busfahrer, der die Crew nun von Freiburg nach Schönau chauffiert. Dort quartieren wir uns auf dem Campingplatz ein, der genau gegenüber dem Gelände der EWS liegt.

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Die Stromrebellen haben eine sehr spannende Geschichte. Wir finden das klasse, viele von uns beziehen ihren Strom von hier aus Schönau, der Solarhauptstadt Deutschlands. Entstanden ist das Projekt mit heute zigtausend KundInnen von atomfeiem Strom durch eine Elterninitiative nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986. Eltern haben sich damals zusammengeschlossen, um vor allem für ihre Kinder unbelastete Lebensmittel und Milch zu organisieren.

Eva begrüßt uns herzlich, ihre Philosophie ist „…die Stromkonzerne an ihrem empfindlichsten Körperteil zu packen, an ihrem Geldbeutel.“ Die Geschichte kommt nicht zu kurz, aber eigentlich feiern und grillen wir bei unseren lieben GastgeberInnen. Eine Liveband ist auch dabei. Und des späteren Abends setzt sich Gerhard ans Schlagzeug und Kerstin gibt eine gesangliche Darbietung: der Beweis, eigentlich sind sie nicht die geborenen Vorsitzenden, sondern viel eher MusikerInnen…

Försterle wird aufs Kreuz gelegt, indem wir anfangen, ein Lied zu singen, bei dem er vollautomatisch, wie ein Tanzbär, anfängt sich rhythmisch schunkelnd zu bewegen. Es unterliegt nicht seinem freien Willen, sondern ein lustiger Zwang, den wir auf unserer recht intimen Reise aufgedeckt haben. Ertönt „versuchs mal: mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit, wirf deine Sorgen einfach über Bord, …“ geht es los. Armes Försterle, jetzt wissen es alle und können es hemmungslos nutzen.

Ein weiterer Tag unserer Tour geht zu Ende. Wer planscht denn da im längst geschlossenen Schwimmbad direkt neben dem Campingplatz? Die Türen waren doch zu…

Wolfgang ist am Abend dazugekommen, das ist auch sehr gut so, denn morgen werden uns einige verlassen, „Direkt“, Anja, Nicole und Mine, Ali, Martin, Kerstin und Ardeshir kehren zurück in die Welt da draußen. Ein Phänomen, das wir bisher ausnahmslos bei allen beobachtet haben, die von uns gegangen sind, ist das Helsinki- Syndrom: lange genug eingesperrt entwickeln die „Entführungsopfer“ ein gemeinsames System mit ihren Peinigern. Das Sich-Miteinander-Identifizieren dient dem direkten Überlebenstraining. Als Folge davon ereilen uns jeweils mails und sms der dabei gewesenen, der Inhalt zuckersüße Koseworte und Beschönigungen der Strapazen. Halleluja, die BI Tour wird von den eigenen Schäfchen glorifiziert.

Nach Peter in der ersten Woche und Kerstin in der zweiten wird Wolfgang nun das Schreiben des blogs übernehmen. Damit ihr wisst, an wen ihr Fanpost und Beschwerdebriefe schicken könnt…

Gerade mal Halbzeit der Tour, wir haben schon so viele verschiedene Menschen getroffen, Gruppen kennengelernt, Geschichte und Geschichten gehört, es reizt fast, ein Stimmungsbarometer zu versuchen. Da das aber sehr subjektiv wäre, einfach das Fazit: die Stimmung der Anti- Atom- Bewegung ist auf dem steigenden Ast. Sowohl in der BRD, als auch in den bisher besuchten Ländern, Österreich, Tschechien und der Schweiz. Es gibt etliche, die seit 30 Jahren kämpfen, und nicht müde sind. Wir freuen uns darauf, das im September in Berlin zu sehen!

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