Es hat geregnet, Marlies und Gerd Försterle mussten nachts von der Wiese rein ins Freiwerk. Der Kaffee dampft, frische Brötchen, Marlies ist ein Schatz, jeden Morgen serviert sie uns so ein leckeres Frühstück. Wir fahren los. Der Bus rollt und tut so, als sei da gestern gar niX gewesen. Wir steuern Hanau an und irritieren unsere Gastgeber: Es ist schwül. Wolfgang und Melani müssen 1000 Meter schwimmen, die Buscrew von gestern braucht mal Abstand und keine Termine im Fünfminutentakt, setzt sich ans Mainufer. Die anderen fahren Hanau-Wolfgang , Kahl und Karlstein an.

Erst mal Kahl, das war das erste AKW in Westdeutschland. Mit 15 Megawatt „niedlich“, es wurde feierlich am 17. Juni 1961 in Betrieb genommen. 1985 war Schluss. Heute ist es abgerissen, der Atommüll wurde ins Kernforschungszentrum Karlsruhe verfrachtet. Dieter erinnert sich, die abgebrannten Brennelemente wurden über Lübeck nach Schweden verschifft. Auf den Autobahnen wurden die Transporte immer wieder von Demonstranten ausgebremst. In Karlstein sollte Atommüll verbrannt werden, das Projekt scheiterte am regionalen Widerstand, doch bis heute zeugen Bunker von dem Vorhaben. Atommüll liegt dort immer noch rum. Wir staunen nicht schlecht, die Tore standen auf, man hätte rein spazieren können.

Elmar Diez präsentiert zurecht mit großem Stolz die Bilanz des Anti-Atom-Kampfes in Hanau. Einst Standort für eine Brennelementefabrik und das Plutoniumlager, Nukem und Alkem, heute ist dort ein Industriepark, kein Sicherheitszaun, kein Plutonium, ein Hort des Erfolges. Zwei Zwischenlager mit radioaktivem Müll sind Zeugen der Vergangenheit. Ein geschicktes Zusammenspiel von Protest und Widerstand auf der einen Seite, Klagen und Regierungshandeln der Hessen mit der ersten rot-grünen Koalition auf der anderen Seite zwangen die Atomiker in die Knie. Das Waffenplutonium wurde in Frankreich zu Brennelementen verarbeitet, damit war die militärische Option gestoppt. Wie viel es war, wird bis heute als Staatsgeheimnis gehandelt. 1986 rief Robert Jungk auf einer Demo aus: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“. Wer Ton, Steine, Scherben kennt, weiß, das war ein Zitat. Trotzdem wurde er angeklagt, schließlich platzte der Prozess gegen den prominenten Zukunftsforscher: Einer der Schöffen war befangen, der war Nukem-Mitarbeiter.

Dann gibt es einen Brückentermin. Auf der Limes-Brücke über den Main, da wo die Römer den Schutzwall gegen die Germanen errichteten, schütteln wir die Hände der Staudingen-Gegner. Es ist der Brückenschlag der Aktivisten für ein ganz anderes Klima: Wir gegen die Atomkraft, sie gegen Kohlekraftwerke, gemeinsam für Erneuerbare. Im hessischen Großkrotzenburg will E.on klotzen, nicht kleckern. Ein VI. Kraftwerksblock – 1.100 Megawatt – soll dort hochgezogen werden. Befeuert mit „billiger“ südafrikanischer Kohle. Würde E.on den IV. Block, das Gaskraftwerk, von 700 Megawatt Leistung hochfahren, so rechnet Winni Schwab-Posselt uns vor, blieben den Anrainern noch mehr Bronchialprobleme erspart, aber es geht der BI natürlich um die Klimapolitik. Es ist klasse, dass wir dort waren, denn die Allianz mit den Gegnern von Kohlekraftwerken gibt unserer Sache Power.

In Hanau wird demonstriert. Mitten auf dem Rathausplatz. Menschen säumen den Platz, Rettungswagen und Polizei sind schon da. Aber nicht wegen uns, ein Rettungshubschrauber hebt ab, die Gaffer gehen weg und wir breiten uns dort aus: mittelgroßes Programm. Der Riesenschirm für den Bohrturm wird auf einer Demo durch die Innenstadt zum Freiheitsplatz gerollt, die begeisterten Hanauer skandieren „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ und begreifen sofort, dass es nicht um Fußball, sondern die Anti-Atom-Demo am 5.9. geht. In echt.

Ob man Äppelwoi oder Äbbelwoi schreibt, fragen wir unsere Leserinnen und Leser in nah und fern. Die richtige Antwort berechtigt zur Teilnahme am Großen Programm am kommenden Samstag in Köln. Natürlich direkt vorm Dom, leider ohne Direkt, unserer Mädchenband.