Schon gestern auf der Versammlung von NAZEN wurde klar, dass Hiroshima ein sehr emotionales Thema für die Japaner ist. Es ist in Japan eigentlich nicht üblich Emotionen wie Trauer oder Wut in der Öffentlichkeit zu zeigen. Als aber eine alte Frau, die den Bombenabwurf am 06.08.1945 unmittelbar miterlebt hatte, auf der Bühne sprach, konnte viele Menschen im Publikum ihre Tränen nicht zurückhalten.

Dem entsprechend groß werden die Feierlichkeiten am Jahrestag des Verbrechens begangen. Und unzählige Menschen aus ganz Japan und der ganzen Welt reisen zu diesem Tag nach Hiroshima. Schon um 7 Uhr gibt es große Versammlungen. Jede der beteiligten Gruppen hält eigene, kleine Kundgebungen ab, bis um 8.15 Uhr, dem Zeitpunkt des Bombenabwurfs, eine Schweigeminute abgehalten wird. Wo eben noch kämpferische Reden Musik und Lärm war, schweigen jetzt tausende Menschen. Der Ort des Bombeneinschlags ist heute eine große Parkanlage, genannt Peacepark. Rund um und in dem Park werden Kränze niedergelegt, gebetet und Demonstrationen gemacht. NAZEN hatte an diesem Tag zu einer Großdemo aufgerufen und über 2.000 Menschen der verschiedenen Gruppen kamen. Traditionell gehört dieser Tag den Bombenopfern (Hibakusha). Widerstand gegen Atomkraft war bisher kaum ein Thema. Dass dieses Jahr auch die Hibakusha selber gegen Atomkraftwerke demonstrierten, ist ein Novum und zeigt, dass die Anti-AKW-Bewegung immer mehr Zuspruch bekommt.

Die erste Demo begann direkt nach der Schweigeminute. Wie in Japan üblich war die gesamte Demonstration von Polizisten eingekesselt. Japanische Demonstrationen sind im Allgemeinen anders als in Deutschland. Es wird nur auf einer Straßenseite gelaufen und der Verkehr läuft neben dem Demozug normal weiter. Es ist also besser im Zug zu bleiben, weil ansonsten die Gefahr besteht überfahren zu werden. Während man es in Deutschland gewohnt ist, dass die Routen komplett abgesperrt ist. In Japan wird die Demonstration von der Polizei in Blöcke aufgeteilt und trifft einer der Blöcke auf seinem Weg auf eine rote Ampel muss er anhalten. Fast macht es den Eindruck, dass das normale Leben durch eine Demonstration so wenig wie möglich gestört werden soll. Laut und bunt sind sie trotzdem. Es wird getrommelt, es gibt Sprechchöre und ein großes Fahnenmeer.

Als nächstes auf dem Plan stand das Friedensmuseum. Auch in Deutschland kennt man Hiroshima und das schreckliche Verbrechen, das die Geschichte dieser Stadt geprägt hat. Es ist jedoch etwas ganz anderes die Stadt zu erleben, mit den Opfern zu sprechen und in dem Museum die stummen Zeugen zu sehen. Fast wird man erdrückt von dem Leid der Opfer. Die Überzeugung, dass so etwas nie wieder passiert darf, gewinnt in dieser Stadt, an diesem Tag eine ganz neue Tiefe. Nach einer zweiten Demonstration vorbei an Zentralen der Energiekonzerne und mit einer kleinen Rangelei mit der Polizei, ging es am Abend wieder zum traditionellen Nomika. Vertreter von allen, an der Demo beteiligten, Gruppen kamen zusammen und haben von ihren Aktivitäten und ihren Erfahrungen des vergangenen Tages berichtet. Insgesamt ein Tag gefüllt von überwältigenden Emotionen und Eindrücken.

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