Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.

10. August 2012

Fukushima heißt auf deutsch Insel des Glück oder Insel des Reichtums und bei einem Besuch diese Region Japans wird einem klar warum. Die Vegetation hier steht im sattem Grün. Überall wächst und gedeiht Obst und Gemüse. Fukushima ist ein riesiges Reisanbaugebiet und hier wird noch heute echte Seide hergestellt. So ist die Präfektur Fukushima vom bäuerlichen Leben geprägt und viele Menschen leben von dem was auf den Feldern und in den Gärten wächst.

Am 11.03.2011 war dieser Reichtum auf einen Schlag zerstört. Die Welle des Tsunami bahnte sich ihren Weg teilweise bis zu 10km ins Landesinnere und als wäre das nicht genug, wurden Regionen, die nicht von den Überschwemmungen betroffen waren, durch die Explosionen im AKW Fukushima Daichi auf Jahrzehnte unbewohnbar.

Unsere Reise beginnt in Fukushima Stadt. Obwohl sie fast 60km vom havarierten Atomkraftwerk entfernt liegt, ist sie durch ihre Lage in einem Tal und der vorherrschenden Windrichtung am Tag der Katastrophe stärker betroffen als die Regionen der Umgebung. Die Belastung liegt hier teilweise beim 20fachen über dem Normalwert. Das Leben in der Stadt scheint jedoch ganz normal weiterzugehen. Auch scheint es nur wenige Bemühungen zu geben die Strahlung zu begrenzen. Fassungslosigkeit macht sich breit als wir den Geigerzähler auf den Boden an einem Verwaltungsgebäude halten und das Gerät einen Wert von 2,5 Mikrosievert pro Stunde anzeigt (Zum Vergleich: Die natürliche Strahlung zum Beispiel in Hamburg beträgt ungefähr 0,15 Mikrosievert pro Stunde. Etwa eine halbe Stunde ausserhalb der Stadt liegt das erste Flüchtlichgsdorf. Hier leben Menschen aus Iitate in provisorischen Containern mit Blechdach. Es Raum muss für bis zu 3 Personen reichen. Im Sommer steigen die Temperaturen in der Gegend auf bis zu 30 Grad sodass es in den Hütte ziemlich heiß wird. Die Bewohner sind überwiegend Bauern, die jetzt ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können. Weil kein Platz ist, müssen Familien, die vorher mit drei Generationen unter einem Dach gelebt haben, nun in getrennten Unterkünften schlafen. Das wenige Geld was sie noch haben wird oft in Spielholen verzockt und die Selbstmordrate steigt von Woche zu Woche.

Iitate heißt dann auch das nächste Ziel. Iitate liegt in der 30km Zone. Die Zone, die von der Regierung für die Rückkehr der Bewohner freigegeben wurde. Iitate ist eine Ausnahme. Als der Wagen auf dem Parkplatz eines verlassenen Restaurants anhält, schlagen die Geigerzähler Alarm und uns wird klar warum dieses Dorf verlassen werden musste. Die Geräte zeigen teilweise Werte an, die über dem 450fachen des Normalwerts liegen. Ein Leben ist hier auf lange Zeit nicht mehr möglich. Trotzdem wird nur wenige 100 Meter von dem Restaurant in einer Fabrik gearbeitet und die Regierung plant demnächste die Schule des Dorfes wieder zu öffnen. Der reine Wahnsinn.
Dieser Ort macht deutlich warum Radioaktivität so heimtükisch ist. Alles sind völlig normal aus. Nichts ist zerstört. Nur die kleinen Geräte mit ihren Zahlen und Alarmsignalen zeigen, dass hier nichts mehr ist wie es war.

Der Weg zur Küste von Fukushima führt durch eine Kleinstadt, in der Versuche der Bekontaminierung zu beobachten sind. Bagger tragen die oberste Erdschicht von Feldern ab und Arbeiter schaufeln die Erde von kleinen Gärten und Grünflächen. Das abgetragene Erdreich wird in große Plastiksäcke verpackt und auf einem nahe gelegenen Feld zwischengelagert. Was damit passieren soll, weiß niemand. Die Bemühungen werden vergebens sein, denn die gesamte Umgebung ist verseucht. Berge und Flüsse lassen sich nicht so einfach von der Radioaktivität befreien. Die meisten Felder sind nur noch verwilderte Wiesen und irgendwo auf dem Weg stehen, auf einer kontaminierten Wiese, Ponys, die alle paar Tage mal gefüttert werden. Der Besitzer scheint es nicht ertragen zu können sie ihrem Schicksal zu überlassen. Eine Chance werden die Tiere dennoch nicht haben. So geht es weiter. Auf der Fahrt schnell der Geigerzähler mal nach oben
und an anderen Stellen sind fast Normalwerte zu messen. Doch diese kleinen Geräte spucken nur Zahlen aus, was sie für die Menschen und ihre Leben bedeuten ist nur schwer zu begreifen. Die meisten sind geflohen und trotzdem leben noch 2 Millionen Menschen hier. Darunter über 300.000 Kinder. Der Gedanke an die Folgen ist unerträglich.

Je dichter sich das Auto der Küste nähert um so öfter sieht man Trümmerhaufen und riesige Grünflächen von einmal große Städte standen. Wiesen auf denen zerstörte Autos langsam vom Gras überwuchtert werden und mehr und mehr auch ganze Geisterstädte. Ein Blick in die Häuser lässt erahnen, dass deren Bewohner Hals über Kopf fliehen mussten. Die Welle hat ihr übriges getan und die Häuser, die nicht direkt dem Erdboden gleich gemacht wurden komplett verwüstet. Hier gibt es kein Leben mehr. Keine Menschen auf der Straße, keine Geschäfte, nichts. Ein krasser Gegensatz zum quirligen Leben, das man sonst aus Japan gewohnt ist. Nur sehr vereinzelt sieht man Menschen, die versuchen ihre arg beschädigten Häuser zu retten. Man fragt sich warum. Diese Gebiete liegen nur 14km vom Unglücksort entfernt und sind von den Strahlungswerten fast normal. Dennoch steht die Atomruine in direkter Nachbarschaft und die Entwicklung vor Ort ist weiter völlig unklar und wird es wohl auch noch lange Zeit bleiben.

Der Landstrich, der am stärksten von der Tsunamiwelle betroffen ist heißt Wellen Küste. Am Meer angekommen sieht man die riesigen Betondeiche die vor dem Wasser schützen sollen. Im Umkehrschluß heißt das, den Menschen hier ist wahrscheinlich schon sei Jahrhunderten klar, dass das Meer und die gewaltigen Wellen, die es erzeugen kann eine große Gefahr für sie bedeutet. Bleibt die Frage, wie profitgierig und kaltblütig ein Mensch sein muss um genau hier ein AKW zu bauen. Menschenleben können bei diesen Plänen keine Rolle gespielt haben. Erschlagen von diesen Eindrücken, geht es zurück nach Fukushima Stadt um sich wieder mit Aktivisten zu treffen. Obwohl sie so viel Leid erlebt haben uns sich wahrscheinlich bewusst sind, das dieses Leid noch lange nicht zu Ende ist, kämpfen sie entschlossen dagegen an und können sogar ausgelassen feiern. Vielleicht bleibt ihnen gar nichts anders übrig.

[nggallery id=13]