Bericht aus Bonn. Der frühe Morgen zeigt sich von einer ungemütlichen Seite, Dauerregen. Keine guten Voraussetzungen für eine mehrstündige Massenaktion zivilen Ungehorsams unter freien Himmel.´Wer heute dem Aufruf des Aktionsbündnisses „Ende Gelände“ folgen will und sich nach Buir nahe des größten Braunkohle Tagebaus von RWE, den Tagebau Hambach, begeben will, muss früh aufstehen und vor allem wasserfeste Kleidung dabei haben.

P1100564Buir, die 4000 Einwohner zählende Kleinstadt, verfügt über einen Bahnhaltepunkt und wer sich an diesem Morgen zufällig auf der anderen Seite der Stadt aufhält würde sich einzig über das enorme Polizeiaufgebot wundern, dass das Stadtbild beherrscht. Am Bahnhof von Buir, dem Startpunkt der Demonstration, tummeln sich derweil hunderte von Menschen, die überwiegend mit Maleranzügen bekleidet vor einem Lautsprecher Wagen zu elektronischer Musik vorfreudig tanzen.

Jeder Bahnstopp wird frenetisch von den Wartenden bejubelt, denn aus den Bahnen ergießen sich weitere Menschenströme gehüllt in Maleranzügen. Gegen 9.15 Uhr wird klar, dass sich kurz vor dem Start der Demo nach VeranstalerInnen Angaben 4.500 Menschen versammelt haben. Der guten Laune der Klima AktivistInnen kann auch der Regen nicht standhalten und verzieht sich.

Um 9.30 Uhr setzt sich der Demo Zug erstmals in Bewegung mit dem Ziel Morschenich in unmittelbarer Nähe zum Tagebau und kommt ca. 3 Meter weit. Der Polizei ist bewußt geworden, dass die Demo zuwenige OrdnerInnen hat. Nach Lösung dieses Problems, kommt die Demo dann immerhin 300m weit, bis bemängelt wird, dass die VersammlungsteilnehmerInnen Passiv Bewaffnung mit sich führen. Gemeint sind in diesem Fall Strohsäcke, die den Teilnehmenden als Sitzunterlage dienen. Nach einer Unterführung der Bahngleise unmittelbar vor Überquerung einer Autobahnbrücke sorgt die Polizei für einen Engpass und kontrolliert via bösen Blicks die mitgeführten Gegenstände der Teilnehmenden.

Der Stimmung in der Demo schaden die hilflos wirkenden Maßnahmen der Polizei nicht. Die TeilnehmerInnen lassen sich nicht provozieren, skandieren und tanzen, hüpfen und singen während der einstündigen Prozedur, die die Demo auf ein Schneckentempo reduziert. Fünf Blöcke umfasst die Demo, die durch Farbmarkierungen an den Maleranzügen und verschiedene Fronttranspis vage zu differenzieren sind, geeint in den Ausrufen „Climate justice now“.

Nachdem Engstelle und Polizeispalier passiert wurden, nahm die Demo endlich Fahrt auf, bis plötzlich nach wenigen hundert Metern die Versammlung zwei Drittel ihrer TeilnehmerInnen verlor.

Gut 3000-4000 Menschen wählten an einer Straßenkreuzung einen anderen Weg, als die vorgegebene Demo Route. Lautstark und motivierend verabschiedet von den übrigen VersammlungsteilnehmerInnen machte sich die Gruppe mit Sprechchören „Auf geht´s, ab geht´s, Ende Gelände!“ auf ihren eigenen Weg. Der übrige Demozug setzte seinen Weg zum Ort der Abschlusskundgebung fort. Vorbei an den Resten des Hambacher Forsts, der einst die größte zusammenhängende Waldfläche Nordrhein Westfalens war, ist in einiger Entfernung die Wiese der TagebaugegnerInnen zu erkennen, die dort seit Jahren den Forst gegen den Zugriff der Kohleindustrie verteidigen. „We struggle, we fight, Hambach bleibt!“ schallt es lautstark beim Passieren des Waldstücks. Kurze Zeit später erreicht der Demozug den Ort Morschenich. Die kleine Ortschaft wirkt bis auf die DemonstrantInnen menschenleer. Hinter einer Gardine im ersten Stock schaut ein älteres Ehepaar aus dem Fenster und filmt mit ihren Handys den Aufzug. Es wird kurz gewunken, Kamerateams interviewen vereinzelt herausgetretene EinwohnerInnen.

Der Ort ist schnell durchquert und am Ende findet sich die Versammlung auf einem abgeerntenten Feld wieder. Unter großem Jubel verliert hier der Demozug nun weitere Menschen, die sich auf direktem Weg zur Kante des Tagebaus machen, der nur noch wenige hundert Meter entfernt ist. Der Ausleger eines Kohlebaggers ragt drohend über die Kante des Tagebaus und lässt keinen Zweifel daran, dass das Feld auf dem die Menschen gerade stehen in nächster Zeit zu einer monotonen Sandlandschaft umgewandelt wird, die sich am soweit das Auge reicht am Horizont bereits erstreckt.

Nach kurzer Zeit sind Sirenen aus dem Tagebau zu vernehmen. Eine Stimme warnt aus Lautsprechern vor dem Betreten des Tagebaus. Monoton wiederholen sich die Ansagen vor dem Hintergrund des Sirenen Geheuls – kurze Zeit später treffen die Meldungen ein, dass die verschiedene Gruppen, die sich aus der Demo herausgelöst haben in den Tagebau eingedrungen sind. Darauf folgt die Meldung, dass die Bagger und Förderbänder stillstehen.

Ein grandioser Erfolg für die AktivistInnen, die sogar aus verschiedenen Regionen Europas angreist sind. Die Entschlossenheit und Einsatzbereitschaft der überwiegend jungen Menschen, die sich gegen diese schmutzige Form der Energieerzeugung einsetzen, die noch verachtender und vor dem Hintergrund der massiven Zerstörung geradezu grotesk wirkt, wenn man sich erst einmal in die Nähe eines solchen Tagebaus begeben hat, muss in der vorgetragenen Form beeindrucken.

Aktionsform und inhaltliche Ausrichtung sind die konsequente Umsetzung einer Bewegung, die sich dem Handeln verpflichtet fühlt. Industrie und Staat haben dem nichts Lebendinges entgegenzusetzen und verharren im Akt des Destruktiven.

Wir treffen auf einen Italiener, der von der Kante des Tagebaus zurückkehrt. Die Augen verquollen, die Kleidung mit Schlamm beschmutzt. Er hat es nicht in den Tagebau geschafft. Wir durchqueren auf dem Rückweg noch einmal Morschenich, vielleicht ein letztes Mal, denn auch Morschenich wird es nicht schaffen. Der Ort befindet sich bereits seit 2015 in der Umsiedlung und wird in der Zukunft abgebaggert.

Die Klima-AktivistInnen werden wiederkommen und vielleicht werden es beim nächsten Mal noch mehr Menschen. Es ist an der Zeit! – „Auf geht´s, ab geht´s, ENDE GELÄNDE!“

Im Live Ticker der ENDE GELÄNDE Aktion ist folgender Tweet zu lesen => „In der Bahn aus Buire sitzt ein Kind und singt „Bagger ciao, Bagger ciao, Bagger ciao, ciao, ciao!“ (Nach dem Lied „Bella ciao“)

Bericht: Torben Klages
Fotos: Kerstin Rudek und Günter Hermeyer