Klimapolitik

Schlechte Zeiten für die Klimaziele

Es brach gar Jubel aus, als auf der Weltklimakonferenz vor zwei Jahren in Paris sich 190 Staaten darauf verständigten, die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen, womöglich gar auf 1,5 Grad. Dazu sollen die globalen Netto-Treibhausgasemissionen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts auf null reduziert werden. Die Aufkündigung dieses Abkommens durch Trump verdeckt, dass die Zeichen für eine Wende der Klimapolitik insgesamt schlecht stehen. Einige Länder setzen zudem auf Atomkraft als „saubere Energie“.

Die Weltklimakonferenz 2017 findet in Deutschland unter der Präsidentschaft der Fidschi-Inseln statt. Diplomaten, Politiker und Vertreter der Zivilgesellschaft aus aller Welt werden sich vom 6. bis 17. November 2017 in Bonn treffen. Die internationale Klimakonferenz der Vereinten Nationen (UN), also die so genannte Vertragsstaatenkonferenz (englisch: Conference of the Parties, COP), versammelt sich zum 23. Mal und trägt daher die Abkürzung COP 23. Zusätzlich treffen sich noch fünf weitere Gremien unter der Rahmenkonvention. Erwartet werden bis zu 20.000 Teilnehmer. Doch was ist von der Konferenz zu erwarten? Und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Nutzung der Atomkraft in der Zukunft?

Seit 1992 hat sich die installierte Leistung aller laufenden Kohlekraftwerke mehr als verdoppelt, noch immer gehen jede Woche rund fünf neue Kohlekraftwerke ans Netz. Das ist eine Katastrophe.

Denn ein Kohlekraftwerk pustet oft 40 Jahre und länger CO 2 in die Luft. All die heute oder kürzlich neu gebauten Kohlemeiler können die Atmosphäre noch in den 2050er-Jahren belasten. Dann, wenn sich die Emissionen zur Einhaltung des in Paris vereinbarten Zwei-Grad-Ziels eigentlich schon der Nulllinie annähern sollten. Dabei ist längst völlig klar, dass das Zeitalter der Kohle dem Ende zugeht. Aber wird es schnell genug gehen?

Die drei größten Kohleverbraucher der Erde haben in diesem Jahr ihre Förderung des fossilen Brennstoffs hochgeschraubt. Und das, nachdem der Klimakiller in den vergangenen Jahren eigentlich schon auf Talfahrt war. China, Indien und die USA haben in den vergangenen Monaten wieder mehr Kohle gefördert. Sollte der Trend anhalten, könnte das den Klimazielen von Paris zusetzen.

Gemeinsam sind die USA, China und Indien für fast die Hälfte des weltweiten Treibhausgasausstoßes verantwortlich. Anders als US-Präsident Donald Trump wollen Indien und China zwar am Pariser Abkommen von 2015 festhalten. Aber die jüngsten Zahlen dämpfen die Hoffnungen, dass China und Indien nun einer Vorreiterrolle gerecht werden könnten.

In den USA wurde ein Anstieg vor allem in Staaten wie Wyoming, Pennsylvania und West Virginia verzeichnet. Experten sehen aber weniger Trumps Kohle-freundliche Politik dahinter als wirtschaftliche Logik: Der Preis für Erdgas sei Anfang 2017 nach oben geschnellt, was der Kohle Aufschwung verliehen habe, sagt Andy Roberts vom Beratungsunternehmen Wood Mackenzie. Daher werde auch kein dauerhafter Kohle-Boom erwartet. Und Unternehmen, die schon stark in alternative Energien investiert hätten, würden sich wohl auch kaum vom Kurs abbringen lassen, meint Roberts.

In Indien kommen derzeit 70 Prozent des Stroms aus Kohlekraftwerken. Entgegen dem globalen Trend wuchs hier auch schon in den vergangenen Jahren die Kohleförderung. Wie aus Daten des für Kohlabbau zuständigen Ministeriums hervorgeht, stieg die Förderung der staatlichen Bergwerke in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um vier Prozent. In ihren Händen liegt der überwältigende Anteil der indischen Kohleförderung. Zugleich hat die indische Regierung aber verkündet, keine neuen Kohlekraftwerke mehr zu bauen. Sie hat Anreize für erneuerbare Energien ausgelobt und erklärt, bei steigendem Verbrauch erst einmal die Erträge aus Solaranlagen auszunutzen.

Atomlobby macht Druck

Doch Indien setzt auch auf die Atomkraft. Sie gilt als Ausdruck von „Entwicklung“ und soll die grassierende Energiearmut beseitigen helfen. Bisher sind 23 Reaktoren in Betrieb. Premierminister Manmohan Singh möchte die AKW-Kapazitäten von 4,78 Gigawatt 2009 auf 470 Gigawatt im Jahr 2050 verhundertfachen. Dafür sollen mehrere Mega-AKW-Parks entstehen.

Atomkraft gilt nicht nur in Indien als „green energy“. China hat genauso zugesichert, seine Treibhausgase bis 2030 zu kappen. Und von einigen Beobachtern wurde der Durchbruch sogar schon früher erwartet, hatte sich die Volksrepublik doch bereits zum Pionier für „grüne“ Energien entwickelt, dazu zählt im Reich der Mitte auch die Atomkraft. 36 Reaktoren sind es schon, bislang sollte die Leistung in den kommenden fünf Jahren auf 58 Gigawatt steigen, nun sind 88 Gigawatt im Gespräch. Bis 2030 sollen sogar 110 Reaktoren am Netz sein. Übrigens: Auch beim Bau des umstrittenen Atomkraftwerks Hinkley Point in Großbritannien tritt China als Teilhaber des Baukonsortiums als finanzieller Retter auf.

Frankreich will bis 2022 keinen Strom mehr aus Kohlekraftwerken beziehen. Das hat Frankreichs Staatsminister für Umwelt, Klimawandel und Energiewende, Nicolas Hulot, als Teil des Klima-Aktionsplan der Regierung für die kommenden fünf Jahre bekannt gegeben.

Hulot betont, dass die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens auf nationaler wie internationaler Ebene eine Priorität der Regierung sei. Die Ankündigung, dass bis zum Ende der Amtszeit von Macron kein Strom mehr aus Kohlekraftwerken kommen soll, gilt als spektakulär, doch macht die Kohle nur noch etwa 5 Prozent des Energieverbrauchs in Frankreich aus.

Diese „spektakuläre“ Ankündigung vernebelt, dass in unserem Nachbarland 55 Reaktoren am Netz sind. Ein EPR-Reaktor ist seit dem 3. Dezember 2007 am Standort Flamanville (wo seit Mitte der 1980er Jahre zwei Druckwasserreaktoren arbeiten) in Bau. Die geplanten Baukosten werden massiv überschritten: statt 3,3 Milliarden Euro sollen es etwa 10,5 Milliarden Euro werden. Die Laufzeit der Reaktoren soll von 40 auf 60 Jahre verlängert werden. Allein das zeigt, wie wichtig es ist, während der Weltklimakonferenz in Bonn im November laut und deutlich zu sagen, dass Atomkraft keine Alternative ist.

Gegenstrategien

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist 2015 erstmals auf über 400 ppm gestiegen. Ab einer CO2-Konzentration von 450 ppm werden in vielen Regionen plötzliche und drastische Klimaänderungen (Kipppunkte oder Kippelemente) mit unabsehbaren Folgen für die Entwicklung der Menschheit erwartet. Zu den vorhergesagten Folgen gehören z.B. das Schmelzen des arktischen, grönländischen und westantarktischen Eises, die Methanfreisetzung durch tauende Permafrostgebiete und Kontinentalschelfe, das Abtauen des tibetischen Hochlands, die Unterdrückung der atlantischen und antarktischen Tiefenwasserbildung, Störungen des indischen und westafrikanischen Monsuns und das Austrocknen des amazonischen Regenwalds. Als Steuerungsinstrument schlägt der Verein CO2-Abgabe e.V. eine Kombination aus strengeren Emissions-Grenzwerten und einer CO 2- Abgabe vor, weil die bisherigen Lenkungswirkung von Emissionshandel und Energiepreisen nicht funktioniert hat.

Wir müssen innerhalb der nächsten Jahrzehnte vor allem unsere Energieversorgung komplett auf erneuerbare Energien umstellen. Je weniger wir an Energie benötigen und je effizienter wir damit umgehen, desto eher wird uns das gelingen. Dazu müssen die gegenwärtigen Lebensstile in den wohlhabenden Ländern der Welt hinterfragt und geändert werden. Schon in unserem persönlichen Umfeld können wir damit sofort anfangen: Autos kann man teilen, Nahrung zu Fuß im Quartiersladen nebenan statt im Discounter mit dem Auto einkaufen, kurze Strecken ohnehin mit dem Fahrrad bewältigen, nur um die Richtung anzuzeigen, wie man persönlich zu einem klimaverträglichen Handeln beitragen kann. Vor allem aber müssen die bisher verdrängten „externalisierten“ Kosten unseres Wohlstandes sichtbar gemacht werden und in unsere politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen einfließen.

Doch eine Renaissance der Atomkraftnutzung kann keine Alternative sein. Mit unserer Kampagne „Don´t nuke the climate“ wollen wir in Bonn auf der Weltklimakonferenz dafür kämpfen, dass die Atomkraft als „Alternative“ zu den CO 2 -Emittenten geächtet wird.

Lesenswert

Wir halten dagegen

 

Zusammengestellt von Wolfgang Ehmke, 19.7.2017

Quellen: Die Presse „Chinas Traum von “sauberer” Atomkraft“ September 2016, SZ „Kohle muss endlich Kohle kosten“/Wirtschaftswoche “Kohle-Comeback macht Umweltschützern Sorgen“ Juni 2017, TAZ „Frankreich sagt Adieu zur Kohle“ Juli 2017, Diskussionspapier des CO2-Abgabe e.V., Juni 2017

COP23 in Bonn:

Don't nuke the climate!

Atomwaffen verbieten!

Atomwaffen werden international verboten. Deutschland soll dem Vertrag beitreten. Schreiben Sie an Ihre Bundestags-Kandidaten!

Neuer Flyer

NDR zu 40 Jahre

Martin Donat im Interview, Beitrag zu 40 Jahre Gorleben:

Abschalten!

Atomtransporte…

...rollen regelmäßig durchs Wendland. Eine Stellungnahme der BI.


Gorleben-Fachexpertise

Musterbeispiel für eine verfehlte Atommüllpolitik, jedoch als möglicher Standort bei der Endlagersuche fortgeschleppt:

Aus Gorleben kann viel gelernt werden.
So, wie in Gorleben, geht es eben nicht!


Neun Experten nehmen Stellung.

Kommission am Ende