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Dem Atomstaat knapp entkommen – Das Wunder von Gorleben

„Für alle, die sich unverdrossen gegen Atomkraft engagiert und so die Tür für die Regenerativen weit aufgestoßen haben“ lautet die Widmung, die Wolfgang Ehmke seinem „Beitrag des Wendlands zur Energiewende“ (Untertitel) vorangestellt hat. Wie wahr: 2002 betrug die öffentliche Nettostromerzeugung aus Atomkraft in Deutschland 156,3 Terawattstunden (TWh), im ersten deutschen Atomstrom-freien Jahr 2024 lieferten Solar- und Windstrom 196,3 TWh (Fraunhofer-ISE 2025).

Wolfgang Ehmke engagiert sich seit 1977 in der nahezu epochalen Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Im Gorleben-Archiv ist die Geschichte der wendländischen Protestbewegung gegen eine gescheiterte Atommüllpolitik dokumentiert, „eine soziale Bewegung, die die Demokratie in Deutschland verändert hat“ (Gorleben Archiv e.V. 2025). In diesem Duktus liest sich auch das „Wunder von Gorleben“, eigentlich ist es trotz seiner angenehmen Kompaktheit (166 S.) eine Geschichte des Widerstands gegen die Atomkraft mit all ihren heute fast schon vergessenen Verzweigungen. Und ja, hier hat ein Aktivist geschrieben. 

Aktivismus, soziale Bewegungen, was hat das mit den heute (noch) so etablierten Umweltprüfungen zu tun? Auch sieht es so aus, dass es wohl gerade noch einmal gut gegangen sein mag, was so manche nuklearpolitischen Retro-Fantasien aus dem letzten nationalen Wahlkampf betrifft. Nicht vergessen bleiben dennoch die gleichzeitigen Attacken auf zivilgesellschaftliche Organisationen, wie auch die immerwährende Erzählung eines entschleunigenden Monsters namens Umweltprüfungen. Eigentlich dämmert uns nun schon, warum wir das „Wunder von Gorleben“ zur Hand nehmen sollten.

Aber auch ganz lebensnah und hochaktuell treffen sich die wendländischen Aktivistinnen und Aktivisten einerseits und die Bewährungsprobe für eine rundum sachgemäße Umweltverträglichkeitsprüfung in Gorleben. Gilt es hier doch in den kommenden Jahren pionierhaft einzutauchen in all die Ungewissheiten der kritischen Zwischenlager-Infrastruktur für unseren (hoch-) radioaktiven Abfall. Was einmal auf 40 Jahre ausgelegt war, wird nun allerdings doppelt oder drei-mal so lange herhalten und insofern neu geprüft werden müssen. Das gilt für zahlreiche weitere Zwischenlager-Standorte.

Sicherlich schauen wir heute mit Sorgen etwa in den Nahen Osten, wohlwissend dass sich zivile Nutzung und militärischer oder terroristischer Missbrauch nicht wirklich trennen lassen. Proliferationsrisiko sagen wir höchst sachlich zu den letzteren Dystopien. Aber der Widerstand aus den 1970er und 1980er-Jahren gegen die dann verworfene Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf oder den Schnellen Brüter in Kalkar hatte all dies längst im Blick.

Wolfgang Ehmke führt uns lebendig in einem großen Bogen durch das so widersprüchliche Zeitalter der deutschen Atomkraftnutzung, samt den bedeutungsvollen internationalen Verflechtungen und Katastrophen. Zumal sich nicht alle gleichermaßen erinnern werden: Tschernobyl war nun einmal der noch gravierendere Albtraum als das für viele noch eher erinnerbare Fukushima. Trotz alledem sucht die Weltgemeinschaft bis heute nach dem bestmöglichen Umgang mit dem noch lange nicht bewältigten nuklearen Erbe. Aber bleiben wir gerne hierzulande im Jahr 2025. War da was in diesem Kontext? Jawohl, das nationale Entsorgungsprogramm nuklearer Abfälle wird beispielsweise fortgeschrieben, europarechtlich verankert und eigentlich der wegweisende Ausblick, den wir (hätten) entfalten müssen. Was soll nun verbindlich und tatsächlich mit dem schwach-, mittel- und hochradioaktiven nuklearen Abfall geschehen?

Immer noch ist wenig davon fix, die Asse nicht saniert, der Schacht Konrad ein ewiges Fragezeichen, die Endlagersuche für den hochradioaktiven Abfall schlingernd in ihrer Über-Komplexität, die wesentlich längere Zwischenlagerung vor einer Fülle von Kenntnislücken. Wie wacker hat sich zu diesen Grundsatzfragen eigentlich die zugehörige Strategische Umweltprüfung geschlagen (vgl. Geißler &Köppel 2025)?

Schon für all diese Bandbreite lohnt sich die garantiert unbürokratische Lektüre von „Das Wunder vom Gorleben“. Aber das ist nur das eine. Das andere ist die schlichte Tatsache, dass wir gerade als umweltprüfende, durchaus verletzliche Community früher oder später feststellen dürften, wie sehr wir – gerade jetzt – eben doch auf die zivilgesellschaftlichen Wurzeln und Bewegungen angewiesen sind. Hut ab für die kompakt-lebendige Erinnerung aufgrund Wolfgang Ehmkes Storylines.

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Prof. Dr. Johann Köppel