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Bericht vom IPPNW-Kongress „15 Jahre Fukushima – 40 Jahre Tschernobyl“
„Atomgefahren und Gesundheitsrisiken damals – heute – morgen“ am 7. März 2026 in Stuttgart: Seit der Atomkatastrophe von Tschernobyl veranstaltet die IPPNW (Ärzt:innen zur Verhütung desAtomkrieges / in sozialer Verantwortung) alle fünf Jahre einen Tschernobyl-Kongress gegen das Vergessen. In Präsenz nahmen diesmal 80 Personen teil. Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet.
Leitgedanken: „Leben ohne Strahlenbelastung ist ein universelles Menschenrecht“
Erfolgsmeldungen: in Japan wurden Klagen gegen Staat und Tepco Mitarbeiter zwar abgewiesen. Dennoch hat die öffentliche Anerkennung des Widerstands erfolgreich Schadensersatz ermöglicht. Sind sich „Die „Klägerinnen“ einig und kämpfen weiter.
Am 26.01.2026 war der UN-Atomwaffenverbotsvertrag fünf Jahre in Kraft. Atomwaffenfreie Staaten können nun selbstbewusster auftreten, die „Abschreckungslogik“ besser in Frage stellen. Allen Opfern der nuklearen Kette/Hibakusha wird erstmals ein Forum gegeben. Mit inzwischen 98 Unterzeichner:innenstaaten steht der AVV für mehr als die Hälfte der Menschheit.
Im April 2025 bestätigt in Deutschland das Bundesamt für Strahlenschutz das LNT-Modell (Linear-No-Treshold-Modell) zu Gesundheitsfolgen radioaktiver Strahlung. Kritischer Wissenschaft ist damit endlich Rechnung getragen. Das Modell besagt, dass es keinen Unbedenklichkeitswert für radioaktive Strahlung gibt. Obwohl Grenzwerte das suggerieren. Von Null an steigt das Risiko von Erkrankungen und Genschäden linear mit Dosis und Zeitraum radioaktiver Strahlung. Gerade das Risiko der „Niedrigstrahlung“ muss neu beschrieben werden.
(Dass Donald Trump der entsprechenden US-Behörde Mai 2025 die Benutzung des Modells per Dekret verbietet, spricht für die LNT-These, ist hoffentlich bald eine Randnotiz der Geschichte…)
Verlauf: Angelika Claußen, Co-Vorsitzende IPPNW, leitet ein mit einer Gegenüberstellung beider Katastrophen. In Tschernobyl wurden 5.300 Petabequerel freigesetzt, in Fukushima 520. Das Entscheidende an Tschernobyl ist, dass der Reaktor explodierte und 11 Tage brannte. Mehr als die Hälfte, 53% des radioaktiven Niederschlages betrafen Mittel- und Nordeuropa ! Von Fukushima war der nahe Großraum Tokio betroffen. 80% des radioaktiven Belastung gingen über dem Pazifik nieder und wurden von offizieller Seite aus der Gesamtkontamination herausgerechnet. Für den Kreml war Tschnernobyl geheime Verschlusssache. Grenzwerte wurden erhöht, verdeckte Diagnosen gestellt, um den Begriff Strahlenkrankheit zu vermeiden. Aber auch die Internationale Atomenergie Organisation (IAEO) stellte Geheimhaltung vor Gesundheit. Was in einem autokratischen System 1986 leicht war, stellte sich auch 2011 nach Fukushima als praktikabel dar. Ihrem Lobbyauftrag zur Förderung und Verharmlosung ziviler Atomkraft kommt die IAEO systematisch nach. Als UN-Organisation ist sie direkt dem Sicherheitsrat und damit fünf Atomwaffenstaaten unterstellt. Seit 1953 besteht ein Vertrag mit der Weltgesundheitsorganisation WHO, der dieser jegliche Angaben zu militärisch nutzbarem Atomwissen untersagt. Verharmlosung der zivilen Seite der Atomenergie, verdeckt immer auch den zwingenden Zusammenhang mit der militärischen Seite, den Atomwaffen.
Beide Katastrophen haben aber Wissenschaftlern und Mediziner:innen viel Wissen gebracht zu Folgeerkrankungen durch hohe Akut-Exposition wie auch durch langfristige „Niedrigstrahlung“. Es gibt valide Zahlen zum Anstieg von Schilddrüsen- und Brustkrebs u.a. in der Bevölkerung, zu kardiovaskulären Erkrankungen und vorzeitigem Altern bei überlebenden Liquidator:innen, zu Schädigung des Erbgutes und angeborenen Fehlbildungen nach Tschernobyl durch Niedrigstrahlung. Niedrigstrahlung ist also weder niedlich noch harmlos. Leider setzt sich das LNT-(Linear-No-Treshold) Modell nur langsam durch. So wurden bei beiden Katastrophen Gesundheits-folgen verharmlost, Grenzwerte willkürlich erhöht. Auch verfolgen offizielle Messungen meist nur externe Strahlung. Interne Strahlung nach Inkorporation (Einbau in Knochen, Darmzotten, Lunge u.a. nach Einatmung und Nahrungsaufnahme) kann aber eine lebenslange Strahlenquelle im „Niedrigbereich“ darstellen und entsprechende Langzeitfolgen haben.
Alexey Nesterenko hat seit 1990 in Belarus über 300.000 Kinder mit mobilen Ganzkörperscannern hierzu untersucht. Er fand auch 40 Jahre nach Tschernobyl bei 50% der Kinder erhöhte Caesium 137 Einlagerungen, bei Erwachsenen in 15%. Für die US-Nuklearbetriebe findet die INWORK Studien für Beschäftigte trotz Dosimeter-Nutzung „103.000 Todesfälle“ zusätzlich. Die deutsche Kinderkrebsstudie im Umkreis von AKWs (KIKK-Studie) findet einen validen Anstieg von Leukämien abhängig vom Abstand zu Atomanlage. Hier sind zwingend unabhängige Studien auch zu Niedrigstrahlung erforderlich. Das nukleares Welterbe strahlt weiter.
Alex Rosen, Kinderarzt und IPPNW-Mitglied, gibt eine Zusammenfassung der kritischen Punkte der „Residents Health Management Survey“ in der Präfektur Fukushima. Die Studie untersucht in der Präfektur Kinder, die zum Zeitpunkt der Katastrophe 0-18 Jahre alt waren. Anders als der Name vermuten lässt, werden durch Ultraschall nur Veränderungen der Schilddrüse, keine anderen möglichen Erkrankungen untersucht. Erwachsene und Menschen außerhalb der Präfektur werden nicht erfasst. Auch nicht die Menschen, die sich länger in Evakuierungszonen aufhielten als vorgesehen. Prophylaktische Jodid-Gabe hat es in ganz Japan nicht gegeben. Da die Studie offiziell das Ziel hat, „die Bevölkerung zu beruhigen“, erklärt sich ihr enges Setting in einer Vorwegnahme entlastender Ergebnisse. Alex Rosen hat sie seit 2011 kritisch begleitet:
Bei 300.000 untersuchten Kindern fanden sich in der ersten Untersuchungsreihe 2011-13 101 Fälle von bestätigtem Schilddrüsenkrebs. Fünf weitere Untersuchungsreihen von 2014-24 fanden 201 Fälle. Wegen eines möglichen Screening-Effektes (Aufdecken von „Altfällen“ durch neu einsetzende Reihenuntersuchung) wurden die 101 ersten Krebserkrankungen herausgerechnet. Was umstritten ist. Umstritten ist auch, dass 66 weitere Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern der Präfektur, die im Gesundheitssystem außerhalb in der Studie festgestellt wurden, unberücksichtigt bleiben. Eine noch höhere Dunkelziffer ist nicht auszuschließen.
Aber selbst die Fälle 2014-24 sind mit einer Inzidenz von 7,2 Fällen pro 100.000 Einwohnern pro Jahr auch ohne die Erstuntersuchung (Inzidenz 6,8/100.000/Jahr) valide gegenüber dem aktuellen Stand von 2,6 Fällen pro 100.000/Jahr für Gesamtjapan. In der Altersgruppe 0-30 ergibt auch das noch eine Steigerung von Schilddrüsenkrebs um den Faktor 2,6. In der letzten Untersuchungsreihe wurden nur noch 69.000 Personen d.h. 18% der Betroffenen, untersucht. Betroffene werden ab dem 25. Geburtstag nicht weiter untersucht und eine offizielle Kampagne demotiviert, betont das Recht auf Nichtwissen. So verliere die Studie laut Alex Rosen endgültig ihren wissenschaftlichen Gehalt.
Anlässlich des IPPNW-Weltkongresses 2025 in Nagasaki erklären japanische Regierungsvertreter und die Ärztekammer, dass es keine messbaren negativen Folgen der Katastrophe gegeben habe. Dass die Evakuierungen übertrieben gewesen seien. So wird kurzerhand ein messbarer Anstieg von Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht, Depression, Angst und Stress aus einer Befragung in der Präfektur der Evakuierung, aber nicht der Atomkatastrophe zugeschrieben. Das könnte dazu führen, bei zukünftigen Katastrophen von Evakuierungen ganz abzusehen.
Natsuko Katayama, Reporterin aus Tokio, Autorin von „Fukushima Workers Diary“ berichtet viele Details aus ihren Recherchen. Liquidator:innen werden in Japan nicht so, sondern lediglich Arbeiter genannt. Sie alle müssen unterschreiben, keine Informationen an die Presse weiterzugeben.Um ihre Arbeit nicht zu verlieren, legten sie Bleiplatten vor die Dosimeter oder arbeiten bei Subunternehmen ganz ohne Messgeräte…..
Wie die „Verschlusssache Kreml“ nach Tschernobyl ist die Atomkatastrophe von Fukushima ein nationales Ereignis. Japanische Staatsräson.
Atomkritische Aussichten
Auf einem lebendigen Podium tauschen sich Stephanie Eger (Trinationaler Atomschutzverband), Patricia Lorenz (GLOBAL 2000+Friends of the Earth International) und Armin Simon (.ausgestrahlt) länderübergreifend zu Fakten und Widerstand in Österreich, Deutschland und der Schweiz aus. Franza Drechsel/Patrik Schukalla (Rosa-Luxemburg-Stiftung, Co-Autoren der Neuauflage „Atom-Atlas“) und Prof. Tilman Ruff (IPPNW Australien), zugeschaltet, berichten von Trends und geopolitischen Entwicklungen.
Sie sind sich einig, die Gefahr von erneuten Nuklearkastrophen ist nicht gebannt. Militärische Risiken rücken zunehmend in den Vordergrund. 80% der weltweit laufenden 406 AKWs werden von den Atomwaffenstaaten betrieben. Selbst Abklingbecken mit ihrer naturgemäß hohen radioaktiven Belastung werden zu Kriegszielen. Die Reichweite heutiger Drohnen von 2000 km setzt technisch keine Grenzen mehr. Mit dem russischen Angriff auf den Sarkophag von Tschernobyl 2025 und dem Angriff der USA und Israels auf Atomanlagen im Iran 2025 sind Jahrzehnte lange Tabus gefallen.
Zur Situation in der Schweiz: entgegen internationalem Recht gibt es in der Schweiz keine Laufzeitbegrenzung für AKWs (wie in Tschechien und Frankreich auch nicht). Der mit 57 Jahren älteste europäische Reaktor läuft in der Schweiz. Das autarkisch eingestellte Land hat eine starke Atomlobby. Diese ist aktuell aktiv daran beteiligt, ein Neubauverbot durch Volksentscheid wieder zu kippen. Bei der letzten Entscheidung 2017 waren Frauen und junge Menschen deutlich atomkritischer als Männer und Ältere, hatten aber eine geringere Wahlbeteiligung. Alte Reaktoren bergen ein erhebliches Sicherheitsrisiko: Stahl wird durch Neutronenbeschuss spröde, Reaktoren wurden nicht nachgerüstet wie in Deutschland, die alten Baustandards entsprechen nicht mehr heutigem Stand. Dennoch wird in der Schweiz über Laufzeiten von 60-80 Jahren nachgedacht. Auch „weil Schweizer Behörden für so sauber und sicher gehalten werden“. Stuttgart liegt 170 km von der Schweizer Grenze. Bei einem GAU mit entsprechender Windrichtung wären das 8 Stunden für eine Evakuierung….
Österreich nimmt in Europa eine Sonderrolle ein. Per Volksentscheid wurde die Inbetriebnahme des einzigen AKW (Wenkendorf) gestoppt. Österreich ist frei von Atomreaktoren und -waffen ! Österreich übernimmt bei den Erfolgen des Atomwaffenverbotsvertrages (AVV) weltweit eine Führungsrolle. Bedroht ist das Land durch alte osteuropäische Hochrisikoreaktoren. Dort zeigt sich, dass wenn Reaktoren abgeschaltet werden, die anderen alten ihre Leistung zur Kompensation hochfahren.
Deutschland hat bisher in der EU als Bollwerk einige Atomprojekte verhindert. Ausbau der regenerativen Energien und der Atomausstieg nach Fukushima waren ein Vorbild. Allerdings nimmt Deutschland im Rahmen der atomaren Teilhabe aktiv am Waffenprogramm des US-Militärs teil und beherbergt weiterhin ca. 20 US-Atombomben in Büchel/Nörvenich. In Gronau ist die Anreicherungsanlage weiterhin in Betrieb, in Lingen die Brennelementefabrik. Nachdem der Absatzmarkt in Deutschland weggefallen ist, gibt es Bestrebungen in Lingen mit Rosatom auf die Produktion von Brennstäben russischer Bauart umzusteigen.
Westinghouse (USA) produziert schon Brennstäbe russischer Bauart, um Einfluss auf dem Weltmarkt zu halten.
Das Podium ist sich einig, dass der Rechtsruck in Europa Atomenergie protegiert. Dabei gehe es nicht nur um Militär. Ein gewichtiger Grund sei die Plünderung öffentlicher Kassen. Besonders wenn Fördermittel für die Regenerativen abgegraben werden können. Auch der aus der Plünderung folgende Abbau des Sozialstaates und demokratischer Grundfesten sei ein Primärziel der autokratischen Rechten. Denn eines ist gewiss: die Neuauflage und Fortführung ziviler Atomprogramme lohnt sich nur mit erheblichen staatlichen Zuschüssen. Wirtschaftlich trägt sich Atomenergie NICHT.
Vladimir Slivyak (Ecodefense) erklärte zu Rosatom, dass Russland Ländern AKWs bezahle nicht für ökonomischen Gewinn, sondern um Weltmachteinfluss zu sichern. Franca Drechsel und Patrik Schukalla (Co-Autoren „Uran-Atlas“ 2026) berichten, wie Rosatom in Tansania die Uran-Bergbausparte übernimmt, obwohl kasachische Minen viel lukrativer sind. Wie es dem gerade autoritären Umbau des Landes russische Schützenhilfe gibt. Auch andere Referent:innen sind sich einig: weltweit versuchen Atomkraftbefürworter an staatliche Gelder heranzukommen, gerne Klimaschutz- und Sozialstaatsgelder, um Machtpositionen auszubauen und das politische Klima in ihrem Sinne zu wenden. Während die Förderung von Waffenprogrammen noch einer gewissen „Rationalität“ folgt, lässt die Einflussnahme westlicher Big-Tech-Unternehmen ein völlig losgelöstes Gewinnstreben vermuten und eine Gestaltungswut jenseits aller etablierter politischen Regeln. Wer auf KI setzt hält wahrscheinlich auch einen Großteil der Menschheit für ersetzbar.
Mein Resümee: durch alle Atomprogramme zieht sich, dass zivile Gesundheitsinteressen ignoriert werden. Ob Energieriesen, Big-Tech oder Militär, Atomprogramme fördern autokratische Strukturen nicht die Demokratie. Die Revival-Bewegung jetzt ist kein Zufall. Die Externalisierung von Folgekosten losgelösten Gewinnstrebens wird auch in demokratischen Staaten der eigenen Bevölkerung zu Lasten ihrer Gesundheit aufgebürdet. Atomenergie ist immer eine Machtprojektion. Unabhängige Forschung zum Einfluss gerade von „Niedrigstrahlung“auf Mensch und Umwelt ist medizinisch unerlässlich. Mit einem Grußwort von Ruiko Moto an die Konferenz: „Wir wissen, dass es mit Atomenergie keinen Frieden geben wird.“
Lüchow, März 2026
Elke Schrage, BI – Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, IPPNW
Präsenzvorträge online: ippnw.de, Vorträge Stuttgart Kongress
ippnw forum Nr.185, März 2026 über ippnw.de/forum nr 185
„Atom Atlas“ 3. Auflage 3/2026, PDF: rosalux.de/uranatlas