Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.

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Klimastreik 29. November

Am 29. November kamen rund 400 Menschen zur Demonstration nach Dannenberg. Vor dem Weltklimagipfel sollte es wie an vielen anderen Orten in Deutschland ein klares Statement geben zum „Klimapaket“ der Bundesregierung. Allein die CO 2 Bepreisung zeigt, dass zwischen Worten und Taten eine riesiges Lücke klafft. Das Klimapaket ist ein Witz.

Die Demo startete am Ost-Bahnhof in Dannenberg und die Initiatiator*innen hatten sich Haltepunkte überlegt, die eine Themenkette bildeten:

Mobilität, Atomkraft und Atommüll, Konsumverhalten, Fluchtursachen und Willkommenskultur und die Rolle der Banken im globalen Kapitalismus.

Halte-Stationen mit kurzen Redebeiträgen waren entsprechen der Bahnhof, die legendäre Esso-Wiese, der Supermarkt Lidl, das Café Zuflucht und am Schluss eine Bank, die Volksbank am Marktplatz.

Haltepunkt Esso-Wiese.

Die Bauwägen und Zelte bildeten das logistische Zentrum der Atomkraftgegner*innen während der Castor-Transporte, hier liefen die Nachrichten zusammen, hier konnte man auf der Leinwand oder am Bildschirm den „Castor-Ticker“ verfolgen und in Erfahrung bringen, wo der Strahlenzug fuhr oder hielt, wo es Aktionen gab…. Hier gab es die Volxküche mit Suppe und Brot zum Kraft – Auftanken und die Feuertonne zum Aufwärmen.

Doch die Vergangenheit ragt in die Gegenwart hinein. Atomkraft ist keine Lösung bei der Bekämpfung des Klimawandels, und die Brennelementfertigung in Lingen und die Urananreicherung in Gronau sind vom Atomausstieg ausgenommen. Das dicke Ende, die Frage, wohin mit dem Atommüll, käme ohnehin in absehbarer Zeit auf alle zu, unterstrich Wolfgang Ehmke in seiner kurzen Ansprache an der Essso-Wiese. Auch auf das Wendland kommt einiges zu. Einmal, wenn sich schon im nächsten Jahr herauskristallisiere, ob Gorleben als Endlagerstandort weiter im Suchverfahren bliebe,  und wo in unmittelbarer Nachbarschaft Teilgebiete ausgewiesen werden, die auf ihre Eignung für die Atommülllagerung geprüft werden sollen. Das zivilgesellschaftliche Engagement sei auch für  das „alte“ Thema dringend notwendig und weiter gefragt.

Haltepunkt Lidl-Markt.

Vor dem Lidl-Markt hielt die Schülerin Karla Donath eine beeindruckende Rede. Karla geht in die 12. Klasse der Drawehn-Schule in Clenze.

Ich habe heute meine Bioklausur geschrieben. Warum ich das jetzt sage? Oh bitte, ich will kein Mitleid, naja vielleicht ein bisschen, denn sie ist, glaub ich, nicht so gut geworden, da ich mich nebenbei auch noch auf diese Rede vorbereiten musste. Aber das ist nicht der Grund. In der Klausur ging es um Stoffwechsel und Energieumwandlung und so. Und Energie kriegen wir woher? Genau aus der Nahrung, aber woher kriegen wir unsere Nahrung? Natürlich aus dem Supermarkt.

Doch wenn ich in den Supermarkt gehe, habe ich meistens am Ende wieder vergessen, was ich eigentlich wollte. Ich werde überrannt von Angeboten Sonderpreisen in grellen Farben, Bildern, die mir sagen sollen, wie lecker dieses Produkt doch ist und für wie wenig Geld ich es doch erwerben kann. Doch wie wenig Geld ist eigentlich zu wenig? Bananen für 50 ct. Da graut es mich doch vor, mein gesunder Menschenverstand sagt mir, das kann nicht richtig sein.

Und wenn ich dann auf die Schilder schaue, wo das Produkt überhaupt herkommt, wird mir übel. Spanien, Ecuador, Argentinien. Diese Gurke hat wahrscheinlich einen größeren ökologischen Fußabdruck als ich! Wenn ich diese esse, wird meiner umso größer.

Es geht gar nicht mehr um das Essen an sich. Essen ist heutzutage ein Produkt geworden, welches nicht mehr aus dem Grund verkauft wird, welchen ich heute in meiner Bioklausur mehr oder weniger erläutert habe.

Gehen wir doch mal zurück an den Anfang der Menschheit. Früher haben wir uns durch Jagen und Sammeln ernährt und heute wird mir im Wanderurlaub gesagt, wie gefährlich es ist, die Blaubeeren, die dort wachsen, zu essen. Wieso? Nur weil sie nicht in Plastik abgepackt sind und draufsteht, dass  es Blaubeeren sind?

Ich für meinen Teil vertraue mir selbst, meiner Erfahrung und meinem Geschmackssinn mehr als irgendwelchen Lebensmittelindustrien. Heutzutage weißt du ja nicht mal mehr, ob das, was auf der Verpackung drauf steht, überhaupt drin ist. Und was drin ist, aber nicht draufsteht. Und das was draufsteht und auch drin ist, davon weißt du zum Großteil nicht, was das überhaupt ist. Ich nehme also tagtäglich Dinge zu mir, von denen ich keine Ahnung habe, aber ich will das nicht!

Unsere moderne Landwirtschaft hat doch nichts mehr mit Ernährung zu tun, sondern ist ein weiterer Sklave von Profit und Gewinn.  Geschmacksverstärker und unnötig Zucker in Produkten wo es gar nicht reingehört, nur um die Menschen süchtig zu machen und dazu zu bringen mehr zu kaufen.

Das ist doch krank. Und es macht krank. Auf der einen Seite der Welt, leiden die Menschen an Übergewicht durch ungesunde und unnatürliche Lebensmittel.

Auf der anderen Seite der Welt verhungern Menschen an den Folgen industrieller Landwirtschaft, welche ihnen Anbauflächen wegnimmt, das Grundwasser vergiftet oder abpumpt. Gleichzeitig werden täglich Tonnen an Lebensmitteln weg geschmissen auch wenn diese teilweise noch gut sind. Wir müssen aufhören, Lebensmittel als Produkte des Kapitalismus zu behandeln, sondern sie beim Wort nehmen. Mittel zum Leben, zum Überleben und keine Wegwerfware.

In unseren Supermärkten geht es nicht mehr darum, Menschen ihre Lebensgrundlage zu bieten, sondern sich gegenseitig zu unterbieten ihnen anzubieten, wer am wenigsten bietet. Konsum ist schon lange nicht mehr essen. Konsum ist ein Wettkampf um die Aufmerksamkeit der Kunden und dabei sind alle Mittel recht. Aber ich frage mich ist das rechtens? Darf sowas überhaupt sein? Meine moralischen Vorstellungen sagen nein, aber das System Kapitalismus, auf dem unsere Gesellschaft beruht, provoziert auf geradezu abartige Weise den Wettkampf im Markt. Und die Menschen?

Sie springen darauf an. Denn wir haben ja gar keine andere Möglichkeit! Von klein auf werden wir geprägt von Werbung und den Wertvorstellungen des Kapitalismus. Kaufen macht dich glücklich, erfüllt dein Leben, so wird es uns doch vermittelt oder warum sehen die Menschen auf den Werbeplakaten alle so perfekt und fröhlich aus? Wenn ich konsumiere, habe ich ein tolles Leben. Einfache Botschaft, welche in die Köpfe der Menschen gepflanzt wird als kleiner Samen, wenn wir klein sind, und dort wächst diese Vorstellung mit uns. Uns wird vermittelt, das neueste Handy zu brauchen oder die Mode, die gerade in ist, weil ich sonst nicht glücklich sein kann.

Doch wenn ich all das habe, ist die Leere immer noch da. Die Leere, welche nicht durch übermäßigen Konsum gefüllt werden kann. Die Leere, welche unsere Gesellschaft verursacht, indem sie leere Versprechungen gibt. Wir gehen zur Schule und irgendwann arbeiten wir, um

im Alter abgesichert zu sein. Wir arbeiten auf eine Zukunft hin, welche nur schöner sein kann, in der all das möglich sein soll, was jetzt nicht geht, weil wir ja arbeiten müssen. Und da wir nicht leben, wenn wir die Zeit dafür haben, wenn wir jung sind, scheint es leer und sinnlos zu sein. Diese Leere muss gefüllt werden und deshalb werden die Menschen zu übermäßigem Konsumieren gebracht, um sie ruhig zu stellen, damit sie das Leben hinnehmen – den Alltagstrott und die Unerfülltheit. Ist das nicht der Sinn hinter allem? Kaufen macht glücklich, temporär und hinterher fühle ich mich umso leerer.

Das Resultat; ich bin nicht glücklich und die Umwelt leidet. Denn unser Konsumverhalten, welches wohlgesagt nicht unsere eigene Schuld ist, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad nicht, ist einer der größten Gründe des Klimawandels. Allein die Nutzung eines Smartphones ist klimaschädlich, aber für die Herstellung wird ca. 20mal so viel Energie und Co2 benötigt, wie es verursacht, wenn es in Benutzung ist. Allein durch den Rohstoffabbau der benötigten Materialen. Und andauernd kommt das neuste i-phone raus und es wird vermittelt, dass mandieses unbedingt benötigt.

Bei Klamotten ist das nicht anders. Konventionelle Mode wird nicht nur in Ländern am anderen Ende der Welt unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt und dann über die Ozeane in Industrienationen verschifft, auch der Anbau der Materialen ist durch verwendete Chemikalien und dadurch verursachte Wasserverschmutzung, extrem umweltschädlich. Die Produktionsstätten werden immer noch mit fossilen Brennstoffen betrieben. Doch vor allem die Mode Branche vermittelt den Gedanken, dass ich durch die richtige Kleidung glücklicher werde. Die Models sehen ja alle so wunderschön und perfekt aus. Doch kaum sind sie vom Laufsteg runter, kippen sie vor Magersucht um, weil die Schönheitsideale krankhaft dünner werden. Und auch das wird uns unterbewusst durch Werbung vermittelt, die neueste Kleidung macht schön!

Schön umweltschädlich und nebenbei noch unglücklich.

Konsum ist nicht nur Essen und nicht nur Kaufen. Es ist unser Verhalten, wie wir mit den uns angebotenen Produkten umgehen. Wir haben das Gefühl immer mehr zu brauchen, als wir eigentlich benötigen und dieses Verhalten ist schon so in unseren Köpfen verankert, dass es verdammt schwer sein wird, davon loszukommen.

Aber genau das ist der Punkt. Wir müssen von diesem Verhalten loskommen, die Vorstellung loswerden, dass wir immer mehr brauchen. Denn das ist nicht wahr. Wir brauchen nicht viel zum Überleben und zum Leben auch nicht, aber das was wir brauchen, sollen wir auch bekommene. Nur eben auf einer Basis, die uns und den Planeten nicht kaputt macht. Wir müssen das Verhältnis von Geben und Nehmen wieder ins Gleichgewicht bringen. So viel nehmen wie wir benötigen und dem Planeten dafür dankbar sein, was er uns gibt und ihm auch geben, was er benötigt; einen dankbaren und respektvollen Umgang mit Ressourcen und der Natur.

Wir stehen hier vor diesem Supermarkt und ich will weder die Betreiber oder die Mitarbeiter verurteilen, noch die Menschen welche konsumieren.

Ich will niemandem verbieten zu kaufen oder den Menschen ein schlechtes Gewissen dafür einreden. Ich will ihnen, euch allen und mir bewusst machen, unser Verhalten im Umgang mit Konsum zu überdenken damit wir unser Klima und damit uns, retten und wir wieder zu glücklichen Menschen werden können, die auf einem gesunden Planeten in Einklang mit diesem leben.

Ich will alle bitten, beim Einkaufen mehr darauf zu achten, was ihr überhaupt kauft, was ihr wirklich braucht und worauf ihr eigentlich verzichten könnt. Wo kommt das Produkt überhaupt her und gibt es vielleicht eine umweltfreundlichere alternative? Im Wendland gibt es schon viele davon. Solidarische Landwirtschaften mit regionalem Gemüse, Bioläden mit klimafreundlicheren Produkten, viel Natur in der auch viel wächst, Gärtnern macht übrigens Spaß.

Bitte, bitte geht nicht blind in den Supermarkt und lasst euch von Werbung ablenken. Bitte nehmt euren Kopf beim Einkaufen mit.

Wolfgang Ehmke

Wolfgang Ehmke

Wolfgang ist langjähriger Pressesprecher der BI.