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„Weil es Grenzen gibt, die das Gewissen setzt“

Frauen haben stets (mindestens!) die Hälfte unserer Geschichte gestaltet- meist unter widrigsten Bedingungen und oft gegen massive männliche oder gesellschaftliche Widerstände. Starken Frauen als treibender Kraft gesellschaftlicher Veränderungen sind die „Frauenorte“ in Deutschland gewidmet. Mit Widerstand hat auch der nun jüngste Frauenort in Niedersachsen zu tun. Nachdem der Landesfrauenrat Niedersachsen e.V. am 10. Juni 2021 in Königslutter am Elm den 44. Niedersächsischen Frauenort „Kaiserin Richenza“ (12. Jahrhundert) widmen konnte, hat auch Lüchow-Dannenberg seit Freitag einen derartigen Gedenkort starker und politischer Frauen.

Für Marianne Fritzen, die 2016 verstorbene Gründerin und Vorsitzende der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg e.V., fand in Schreyahn eine feierliche Eröffnung ihres Lüchower Frauenortes statt – erstmals wieder als öffentliche Präsenzveranstaltung. Mariannes Ort steht unter dem von ihr geprägten Motto „Weil es Grenzen gibt, die das Gewissen setzt“.

Sehr interessante Grußworte auch zum Gesamtprojekt gab es von Frau Dr. Biermann vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung und der Vorsitzenden des Niedersächsischen Landesfrauenrats e.V. Marion Övermöhle-Mühlbach, Landrat Jürgen Schulz nutzte sein Grußwort, um auch von seiner intensiven persönlichen Geschichte mit der Geehrten zu berichten, die zu den Hundert wichtigsten Persönlichkeiten in Deutschland zählte. Die Laudatio für Marianne hielt im Angesicht der Familie ihre Freundin und langjährige politische Weggefährtin Rebecca Harms. „Entschieden in der Sache, mutig, doch nicht übermütig“ habe sie Marianne erlebt, „nie leichtfertig, sondern nur mit guter Begründung“ habe die „Citoyen/ Bürgerin Fritzen“ ihre Entscheidungen und Abwägungen getroffen. Mit Hartnäckigkeit, mit Charme und auch mit Schärfe hätten einst Marianne Fritzen und Gisela Knoll als parlamentarischer Arm des Protestes und erste grüne Ratsfrauen die Anliegen der ökologischen Bewegung in den Kreistag getragen, wo sie die hiesigen „Stammtischverhältnisse“ erschütterten. Ihnen folgten später die Europaabgeordnete Undine von Blottnitz und die Bundestagsabgeordnete Lilo Wollny (Anmerkung: und natürlich auch die Rednerin und Europaabgeordnete Rebecca Harms selber). Wenn heute über das in Gorleben Erreichte gesprochen werde, gehöre die Veränderung der politischen Landschaft in Deutschland zweifellos dazu. Ihre heutige Rede sei eine notwendige Vertiefung der Laudatio, die sie 2010 zur Verleihung des Petra-Kelly-Preises für die große Pazifistin gehalten hatte, die Demokratiegeschichte schrieb.

Den Frauenort „Marianne Fritzen“ hat die Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Lüchow, Dr. Ingrid Holst, initiiert und zusammen mit Birgit Huneke vom Gorleben Archiv e.V. umgesetzt. Das ebenfalls von Marianne initiierte Archiv wird sich auch daran beteiligen, dass ihr Frauenort Schülerinnen und Schülern politische Bildung vermitteln kann. Ulrich Rhode vom Gorleben Archiv und Jan Becker von der Bürgerinitiative haben Mariannes Spuren durch einen Geocaching Rundgang in Lüchow erfahrbar gemacht.

Für die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg nahm zu der Feierstunde – wie sollte es bei einem Frauenort auch anders sein – die zweite Vorsitzende Elisabeth Hafner-Reckers teil. Sie erinnerte an den ersten Kreuzweg für die Schöpfung 1988, an dessen Zustandekommen die Christin Marianne maßgeblich beteiligt gewesen war, und kündigte den Start des diesjährigen Kreuzweges am 4. Juli von Gorleben in den Braunkohletagebau Garzweiler in Nordrhein-Westfalen an, mit dem der Bogen von der Anti-Atom-Bewegung zur Klimabewegung gezogen werden soll. Ein Anliegen, das unbedingt im Sinne Mariannes gewesen wäre, die mit politischer Weitsicht 1977 keine Bürgerinitiative „gegen Atom“ oder gegen ein Endlager in Gorleben gründete, sondern vielmehr vorausschauend eine Bürgerinitiative Umweltschutz.

In diesem Geiste – im unbedingten Geist der Nachhaltigkeit und des Erhaltes der Schöpfung- sollte auch die Entwicklung des Landkreises von dem Prinzip der Achtsamkeit und eben von Gewissensgrenzen geprägt sein.

Wie aus den Reden aber schon deutlich wurde, könnte es sicher eines Tages noch einige „Frauenorte“ mehr aus dem Umfeld von Marianne Fritzen in Lüchow-Dannenberg geben…

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Martin Donat

Martin ist Vorsitzender der BI.