bi-blog

JBPhotos_11042017_084

„Die nukleare Spaltung Europas“

In drei Grafiken wurden auf einer Doppelseite (nicht nur) in der Elbe-Jeetzel-Zeitung die Strompreise, der Kohlendioxidausstoß pro Kopf und Jahr und der Anteil der Atomenergie an der Stromerzeugung in Deutschland und Frankreich gegenübergestellt. Diese Gegenüberstellung sollte belegen: weil wir in Deutschland auf die Atomenergie verzichten, sei der Strompreis so hoch. Der Sachverhalt ist natürlich viel komplexer.

Die Zusammensetzung des Strompreises in beiden Ländern unterscheidet sich stark. Laut dem Bund der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft machte der Anteil an Steuern, Abgaben und Umlagen in Deutschland im Jahre 2020 52.5% des Gesamtstrompreises aus. Die Strombeschaffung und der Vertrieb machten nur 22.9% aus und die Netzentgelte 24.6%. Richtig ist, dass die EEG-Umlage für die Erneuerbaren mit 21 % eine beträchtliche Rolle spielt. Der Fiskus kassiert gleich doppelt: bei der Stromsteuer mit 6,7 % und bei der Mehrwertsteuer mit 19 %.

In Frankreich machen die Steuern und Abgaben lediglich 35% aus. Da Frankreich den Ausbau der Erneuerbaren bisher nicht voranbrachte – er liegt bei rund 27 % des Strombedarfs – fällt die EEG-Abgabe entsprechend geringer aus. In Deutschland liegt der Anteil grünen Stroms inzwischen bei 46%.

Emmanuel Macron, der französische Staatspräsident, kündigte nun den Ausbau der Atomkraft an, sechs neue Reaktoren sollen gebaut werden. In der französischen Tageszeitung „Le Monde“ wird das als Wahlkampfrhetorik bezeichnet. Das Problem ist, die 56 Reaktoren in Frankreich, die rund 70% des Stroms erzeugen, wurden in den Jahren 1970 bis 1990 in Betrieb genommen, „Le Monde“ warnt, sie sind in die Jahre gekommen und störanfällig.

Beim einzigen Reaktor, der in Frankreich in Bau ist, explodieren die Kosten. Ursprünglich sollte der „EPR“ in Flamanville 3.5 Milliarden Euro kosten und nach 4 ½ Jahren Bauzeit den Betrieb aufnehmen. Bisher haben sich die Gesamtkosten auf 12.4 Mrd. Euro erhöht. Der französische Rechnungshof geht davon aus, dass die Gestehungskosten um weitere 6.7 Mrd. Euro auf dann ca. 19.1 Mrd. steigen könnten. Die Bauzeit wird neuerdings mit 15 Jahren angegeben.

Ob sich in der Grafik beim Strompreisvergleich auch niederschlägt, wie teuer am Ende die Atommülllagerung sein wird? Im „Welt-Atommüll-Bericht“ – den gibt es im BI-Büro in Lüchow für alle Interessierten – ist nachzulesen, dass die französische Betreibergesellschaft ANDRA schätzt, die Kosten für die Endlagerung könnten sich auf 31 Mrd. Euro aufsummieren. Das scheint aus der Luft gegriffen. Zum Vergleich: Bis zum Jahr 2099 könnten sich die Kosten für die nukleare Entsorgung in Deutschland auf 182 Mrd. Euro summieren, errechneten die Wirtschaftsprüfer Warth & Klein Grant Thornton– bei einem viel kleineren Reaktorpark als in Frankreich.

Mit dem Atomausstieg in Deutschland gehen wir den eindeutig besseren Weg: Atomkraft ist zu teuer, zu gefährlich.

LeMonde: Coût, sécurité, déchets… Les huit questions que soulève la relance annoncée du nucléaire

Wolfgang Ehmke

Wolfgang ist langjähriger Pressesprecher der BI.