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Foto: ddp/Philipp Guelland

Wir haben eine Freund verloren

Als ich Jochen Stay das erste Mal wahrgenommen habe, stand er bereits mit Vorerfahrungen und energiegeladen im Mittelpunkt des atompolitischen Geschehens. Es waren die Jahre der ersten Castortransporte, die Ende des Jahrtausends mit bis dahin ungekannter Staatsgewalt in das Wendland geknüppelt wurden. Und damals schon entzweiten sich an Jochen auch die Gemüter. Nicht nur zwischen Anhängerschaft und Gegnerschaft dieser Hochrisikotechnologie oder ihren Vollstreckern, sondern auch innerhalb der Anti-Atom-Bewegung sorgten seine unüberhörbaren Positionen und deutlichen Aktionen stets für Aufregung. Er hatte für die von ihm mit organisierten Straßenblockaden eine ultimative Selbstverpflichtung zur Gewaltlosigkeit proklamiert und nun fürchteten andere Akteure, von Öffentlichkeit und Polizei unverschuldet gebrandmarkt und abgespalten zu werden, wenn sie es nicht gleichtäten. Bei allen heißblütig geführten Debatten dieser Jahre gab der Erfolg Jochen aber unzweifelhaft recht. Genau diese Selbstverpflichtung war es nämlich, die vielen von reißerischer Berichterstattung verunsicherten Menschen der bürgerlichen Mitte die Teilnahme am zivilen Ungehorsam erst ermöglichte und somit Menschen jeden Alters und aller gesellschaftlichen Gruppen in den Widerstand führte. Völlig absurd und ein beunruhigender Blick in die Verfasstheit unserer Republik, dass ausgerechnet diese basisdemokratische Initiative, die aus einem Kreis um Jochen entstand, noch bis 2006 unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stand.

Jochen hatte den Atomausstieg zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Obwohl er stets einen politischen Weg beschritt, wies er alle Angebote und Versuche der parteilichen oder organisatorischen Einvernahme aber konsequent zurück und beharrte unabhängig vom wirtschaftlichen Druck auf seiner Eigenständigkeit. Er blieb mit seiner scharfen Beobachtung und seiner treffenden Analyse vielmehr ein Stachel im Fleisch derjenigen, die den Weg des Parlamentarismus beschritten hatten und erinnerte sie stets an ihre Wurzeln und an ihre Verpflichtungen. Mit dieser Glaubwürdigkeit vermochte er sehr viele Menschen in der Republik zu erreichen und so war er innerhalb der Anti-Atom-Bewegung in großem Maße an der Mobilisierung zu allen regionalen und überregionalen Demonstrationen und Aktionen beteiligt, die letztlich den Atomausstieg in Deutschland erkämpft haben.

Mit der Straße alleine gab Jochen sich aber nicht zufrieden; er war vielmehr stets bestens informiert auf allen Informationsveranstaltungen und Konferenzen zu seinem Themenkreis präsent und publizierte auch, wo immer man ihn ließ. Seine Anwesenheit in Gremien und Kolloquien war von politischen Gegner*innen gefürchtet; aber auch sein politischer Freundeskreis suchte für gewöhnlich vorab den Austausch, denn sein untrüglicher politischer Instinkt ließ ihn auch für manche Überraschung gut sein. Wenn es aber darum ging, gemeinsam auf „großer Bühne“ aufzutreten, war er trotz seiner Eigenwilligkeit stets ein souveräner und verlässlicher Partner.

In diesem Jahr des Atomausstiegs, in dem wir auch gedachten, endlich gemeinsam den Fall des Endlagers Gorleben groß zu feiern, blickte Jochen auch schon wieder über den Tellerrand, um der jungen Bundesregierung unmissverständlich Druck zu machen und zu verhindern, dass Atomenergie über die Hintertür der EU-Taxonomie wieder in unsere Stromnetze fließt.

Wer in ihm nun aber einen „Anti-Atom-Tycoon“ erkennen will, wird weder der Person, noch seinen Anliegen gerecht. Nicht allein, dass er bei aller eigenen Durchsetzungsfähigkeit stets auf die Prinzipien emanzipierter Basisdemokratie gesetzt hat. Wer die seltene Möglichkeit hatte, Jochen auch einmal unter vier Augen zu erleben, war vielleicht überrascht, wie empfindsam, wie verletzlich und kränkbar der fühlende Mensch hinter dem politischen Aktivisten auch sein konnte und bekam eine leise Ahnung davon, welche Energie es gekostet haben mag, all die Kämpfe und Anfeindungen durchzustehen. Es war Jochens Herz, was für Menschen und für das Leben brannte und es war sein Herz, das sein Leben viel zu früh beendete.

Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei seiner Partnerin und bei seiner Familie.

Das Wendland und die Bürgerinitiative haben einen großen Freund verloren, dem wir sehr viel zu verdanken haben.

Martin Donat,
Vorsitzender der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg

Nachruf und Erinnerungen: https://www.ausgestrahlt.de/jochen/

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Martin Donat

Martin ist Vorsitzender der BI.