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Castortransporte nach Ahaus
Nun rollen sie also wieder. Der erste von insgesamt 152 Castoren trat am 24.03.2026 um kurz nach 22:00 Uhr seine sinnlose Reise von Jülich nach Ahaus an. Dort kam er um rund 02:00 Uhr in der Nacht ohne größere Störungen an. Der längste, der teuerste und der überflüssigste Transport in ein Zwischenlager das baugleich mit dem Zwischenlager in Gorleben ist. Das dortige Zwischenlager mit lediglich 20 cm Deckenstärke ist noch bis 2036 genehmigt, somit wird auch dort in naher Zukunft eine Neugenehmigung erforderlich sein.
Doch zunächst ein wenig zur Chronik. Im Zwischenlager Jülich lagern etwa 230.000 Brennelementekugeln aus dem 1988 stillgelegten AVR-Versuchsreaktor in Jülich. Der frühere Leiter des Forschungszentrum Jülich Wolfgang Marquardt (heute Professor an der RWTH Aachen) äußerte frühzeitig seine Bedenken, dass „die Altlast Atommüll nicht zu einem modernen Forschungszentrum passe.“ Im Jahre 2013 lief die Genehmigung des Zwischenlagers in Jülich aus. Als Begründung wurde ein Mangel an Erdbeben- und moderner Sicherheit angegeben. Aufgrund einer Sondergenehmigung durften die Brennelementekugeln weiterhin in Jülich eingelagert bleiben, während die Politik nach Lösungsmöglichkeiten für diesen Missstand suchte.
Als Alternativen galten mithin:
- Bau eines neuen Zwischenlagers in Jülich
- Transport der Brennelementekugeln nach Ahaus
- Export der Brennelementekugeln in die USA.
Die Option USA schied aus politischen, wirtschaftlichen und sicherheitsrelevanten Gründen schnell aus, denn wer will schon für unkalkulierbar viel Geld deutschen Atommüll auf dem Seeweg in die USA exportieren? Somit blieb also der Neubau oder der Transport als Alternative. Hierzu sollte man wissen, dass der Aufsichtsrat der für den Standort zuständigen Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen (JEN) aus Vertretern des Bundesfinanzministerium, des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt sowie des Ministeriums für Finanzen des Landes Nordrhein-Westfalen besteht. Genau diese Ministerien bewerteten die Optionen und entschieden sich erwartungsgemäß für den Transport.
Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) hat im August 2025 die Genehmigung für die Transporte erteilt und aufgrund des vermeintlichen übergeordneten Interesses der Öffentlichkeit den Sofortvollzug angeordnet. Gegen diesen Sofortvollzug hatte der BUND NRW Beschwerde eingelegt, diese wurde jedoch Anfang 2026 durch das OVG Berlin abgewiesen. Somit war der Weg für die Castoren frei.
- Zum Vergleich: Der Neubau eines Zwischenlagers in Jülich wurde mit bis zu 500 Mio. Euro beziffert und somit entschied man sich aus „Kostengründen“ für den Transport nach Ahaus, denn die Zwischenlagerkosten in Ahaus bezifferte die JEN mit 150 Mio. Euro – allerdings ohne Kosten der Polizei. (Beate Kallenbach-Herbert, Sprecherin der JEN am 19.03.26 in der Infoveranstaltung in Ahaus)
- Die nun stattfindenden Transporte werden laut GdP in NRW mit bis zu 4500 Polizisten geschützt – pro Transport. Zum Vergleich: Ein Fußball Derby in NRW wird mit etwa 2500 bis 3000 Polizisten geschützt.
Wer schon einmal mit dem Auto über die Autobahnen in NRW gefahren ist, kennt die Straßenverhältnisse dort: Die Autobahnen sind marode, die Brücken dringend sanierungsbedürftig. Unfallmeldungen aufgrund von Autobahnsperrungen häufen sich. Und genau über diese Autobahnen verläuft der Transport über eine Strecke von rund 170 km. Ein einziger Transport mit voll beladenem Castor wiegt rund 130 Tonnen, man kann sich also leicht vorstellen, welcher Belastung die Straßen und insbesondere Brücken ausgesetzt sind. Sollten sich aufgrund des Transports Schäden an der Infrastruktur ergeben, werden diese von öffentlichen Geldern – sprich vom Steuerzahler – bezahlt.
Schon im August 2024 veröffentlichte die Physikerin Oda Becker ein Gutachten zu den Gefahren eines Transportes von Jülich nach Ahaus und kam zu dem Schluss, dass nicht zu vernachlässigende Risiken bezüglich der Unfallgefahr und der sonstigen Einwirkungen Dritter (SEWD) bestehen. Man denke zum Beispiel an die zahlreichen Drohnensichtungen in der Nähe von kritischer Infrastruktur. So stellt sie z.B. fest, dass bei einem möglichen Drohnenangriff, bei der in einer der beiden Kannen rund 40% des Brennstoffes freigesetzt werden, Evakuierungen in einem Radius von bis zu 4km erforderlich wären.
Die Brennelementekugeln haben einen ursprünglichen Anreicherungsgrad von 93% Uran-235 sowie Plutonium in einer Graphitkugel etwa in der Größe eines Tennisballs. Jeder AVR/THTR Castor ist mit rund 2.000 dieser Kugeln gefüllt, sodass insgesamt 152 Castoren zu befördern sind.
1978 zu einer unbeabsichtigten Überhitzung der Brennelemente. Dieses führte zusätzlich zum Austritt von größerer Mengen Cäsium, welches nun im Graphitmantel der Brennelementekugeln sitzt.
Die BGZ stellt aufgrund der geringen Nachzerfallswärme bis heute keine eigenen Forschungen zum Langzeitverhalten der Brennelementekugeln an. Dabei ist zu bemerken, dass im Graphitmantel der Kugeln eine hohe Radioaktivität zu verzeichnen ist und diese durch Beschädigung des Graphitmantels durch den Graphitstaub leicht freigesetzt werden kann.
Diese Gefahren potenzieren sich entsprechend im Falle einer Beschädigung während des Transportes oder bei einer Unfallsituation, bei der es zu einem Brand kommt. Der Graphitstaub wird leicht über die Haut oder die Atemwege aufgenommen.
Es hätte von Anfang an die Option eines Neubaus in Jülich geprüft werden sollen, dieses wäre in jedem Falle weniger kritisch gewesen als der Transport von 152 Castoren über eine Distanz von rund 170 km über die Straße im dicht besiedelten NRW. Hier hat die Politik versagt und offenbar aus vordergründig finanziellen Gründen entschieden und Sicherheitsaspekte weitestgehend unbeachtet gelassen. Dieses gilt auch für die Landesregierung NRW aus CDU und Grünen. Dort heißt es im Koalitionsvertrag zum Thema Atomkraft: „Wir setzen uns für eine Minimierung von Atomtransporten ein.[…] Im Fall der in Jülich lagernden Brennelemente bedeutet dies, dass wir die Option eines Neubaus eines Zwischenlagers in Jülich vorantreiben.“ Nichts ist daraus geworden, die Landesregierung lehnt sich mit der Begründung, dass ja der Bund die Transporte genehmigt habe, tatenlos zurück. Vielmehr wünschte sich der NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, „dass die Transporte ohne viel Tamtam über die Bühne gehen.“ Der aus Ahaus stammende Fraktionsvorsitzende der CDU-Fraktion im Bundestag Jens Spahn erhöhte die Kompensationszahlungen an die Stadt Ahaus in den Haushaltsnachverhandlungen noch rasch auf € 2 Mio. So will man sich offenbar Akzeptanz erkaufen.
Zuletzt kritisierten die Grünen NRW am Tag des ersten Transportes die Tatsache, dass der Bund die Option Neubau nicht ernsthaft weiterverfolgt habe (Bonner Generalanzeiger 25.03.26). Welche Möglichkeiten hätten die Grünen während der Ampelzeit in Berlin oder auf Landesebene seit 2022 in NRW gehabt, die Transporte zu verhindern oder zu verzögern?
Am 07. März fand in Ahaus eine zentrale Kundgebung gegen den bevorstehenden Castortransport statt, zu dem verschiedene lokale Bürgerinitiativen aufgerufen hatten. Auch eine Vertretung der BI Lüchow-Dannenberg war vor Ort und hat unterstützende Grußworte an die Demonstrierenden in Ahaus übermittelt. Bei dieser Kundgebung sprachen weiterhin Vertreter der BI Ahaus, des BUND NRW, des Bündnis Westcastor aus Jülich, SOFA aus Münster und andere, aber leider hat auch diese Kundgebung nichts an den für Sofortvollzug angemeldeten Transporte geändert.
Wir als Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg verurteilen die Transporte als inakzeptabel. Unseren Freunden in Ahaus wurde seit jeher gesagt, dass nach vierzig Jahren Zwischenlagerung in Ahaus Schluss sei. Nun entwickelt sich Ahaus jedoch als zentrales Zwischenlager mit voraussichtlich endloser Verlängerung. Der Konsens, dass in die Zwischenlager keine Transporte ein- oder ausgehen sollten, ist nunmehr gebrochen. Unsere Solidarität und unser Widerstand sind gefragt – unserem unverzagten Widerstand und unserer Ausdauer ist es zu verdanken, dass wir die Atomkraft in Deutschland weitestgehend hinter uns gelassen haben und unsere Dächer inzwischen vielfach mit PV-Anlagen ausgestattet sind und das wir großflächig erneuerbare Energie nutzen. Dieses lässt sich auch durch eine neue, offenbar mit Wehmut zurückschauende Regierung nicht ändern.
Beim ersten Transport am 24.03.2026 waren zur zentralen Kundgebung am Rathaus am Abend etwa 380 Atomkraftgegner aus der Region zusammengekommen, um ihrer Wut über die bevorstehenden Transporte Gehör zu verschaffen. In Jülich und Ahaus wurden Mahnwachen abgehalten. Als der Castor um rund 02:00 Uhr das Zwischenlager erreichte, harrten noch rund 30 Demonstranten bei Sturm und Regen vor den Werkstoren aus. Den 30 Demonstrierenden standen unzählige Polizisten in voller Montur sowie ein Wasserwerfer gegenüber.
Was bleibt sind weitere 151 Castoren, die eingelagert werden müssen – und die Hoffnung, dass der Zulauf an Demonstrierenden größer wird und der Widerstand wächst. Mit viel Tamtam.
Rainer Behnecke, BI Vorstand


