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Atomkraft forever?

In zahlreichen europäischen Ländern werden wieder milliardenteure Nuklearreaktoren geplant, EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen will die »Renaissance der Kernenergie«. Dabei ist kein einziges ihrer altbekannten Probleme gelöst: Atomenergie ist teuer und gefährlich, Endlager gibt es nicht. Ein Beitrag von Wolfgang Ehmke in der aktuellen Jungle World…Hier die ungekürzte Langfassung.

Zwischen Geisterdiskussion und neuen Playern

Am 26. April 1986 passierte in Tschernobyl, was nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit so selten passieren dürfte, dass die Befürworter der Atomkraft das als „Restrisiko“ abtaten: Der Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall in einem Atomkraftwerk mit Kernschmelze und massiver Freisetzung von Radioaktivität. Als die radioaktive Wolke und der gewittrige Regen über große Teile Europas hinweg zog und die Gewässer und Böden kontaminierte, Spielplätze gesperrt und Kühe in den Stall getrieben wurden, begann das große Umdenken in der Energiepolitik. Neue Reaktoren wurden nicht mehr beantragt, das umkämpfte Atomkraftwerk Brokdorf allerdings ging im gleichen Jahr noch in Betrieb. Das Atomprogramm geriet ins Wanken, auch wenn es noch weitere 25 Jahre brauchte, bis es das Gezerre um die Atomkraft ein Ende fand. Die Atomkatastrophe im März 2011 in Fukushima-Daiichi gab den Ausschlag für die Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Ironie der Geschichte: wahrscheinlich um die Wahlen in Baden-Württemberg zu gewinnen, die trotzdem verloren gingen.

Sukzessive gingen die Meiler vom Netz und am 15. April 2023 war Schluss, an den letzten drei AKW – Isar 2, Neckarwestheim und Lingen – feierte die Anti-Atom-Bewegung Abschaltfeste. Mit Fug und Recht kann man sagen, die Zivilgesellschaft hat die Atomkraft in Deutschland abgeschaltet, auch wenn der Ausstieg wegen der Energiekrise als Folge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine heiß diskutiert wurde.

Diese Debatte ist seitdem nicht abgerissen. Im Gegenteil. Gerade erst bekundete Ursula von der Leyen, die EU-Kommissionspräsidentin ihren Sinneswandel, sie will die „Renaissance der Kernenergie“. Das kündigte sie auf dem zweiten internationalen Gipfel zur Kernenergie in Boulogne-Billancourt bei Paris an, fast auf den Tag genau 15 Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima. Den Atomausstieg in Deutschland bezeichnet sie als „strategischen Fehler“. Wirtschaftsministerin Katharina Reiche legte gleich nach mit ihrem SMR-Flirt: Kernenergie bedeute auch Energiesicherheit, „technologische Diversifizierung ist der Schlüssel“, sagte sie im Februar beim „Energy Security Hub“ der BMW-Stiftung im Rahmen der Münchener Sicherheitskonferenz. Ins Spiel gebracht wurde von der CDU-Ministerin der Bau von kleinen Kraftwerken (SMR). Das mediale Trommelfeuer um die Atomkraft, die Sticheleien der Unionsparteien, das Pro-Atom-Getöse der AfD reißen nicht ab, selbst wenn Bundeskanzler Friedrich Merz betont, der Drops sei gelutscht, „da kann man nichts machen.“

„Erfolgsmeldungen“ ohne Ende

So wird das teilweise Wiederanfahren des japanischen Kashiwazaki-Kariwa, das nach der Fukushima-Katastrophe vorübergehend stillgelegt wurde, als Beispiel für die Renaissance der Atomkraft ins Feld geführt. 2023 wurde die Inbetriebnahme des AKW Vogtle 3 im US-Bundesstaat Georgia gefeiert. Noch so ein vermeintlicher „Durchbruch“, 30 Jahre lang gab es in den USA tatsächlich keine AKW-Neubauten, u.a. weil es dort kein Endlager für die hochradioaktiven Abfälle gibt. Die Bauzeit für Vogtle 3 hatte sich wegen technischer Probleme immer wieder verzögert, die Kosten verdoppelten sich auf rund 30 Milliarden Dollar und wirtschaftlich ist das Projekt längst nicht mehr und der Reaktorbauer Westinghouse schrieb rote Zahlen. Das ist symptomatisch, das ist chronisch, und die Gestehungskosten für den Atomstrom liegen inzwischen weit über denen der Regenerativen.

Frankreich will trotz des finanziellen Desasters beim Bau des AKW Flamanville, trotz 17 Jahren Bauzeit und massiv gestiegene Kosten von über 13 Milliarden Euro sechs neue Atomreaktoren bauen, der erste Reaktor soll in Penly am Ärmelkanal 2038 in Betrieb genommen werden. Schwadroniert wird von der Option, acht weitere AKW zu bauen – allen Warnungen des französischen Rechnungshofes zum Trotz. Zugleich wird die Laufzeit der 57 bestehenden Reaktoren auf 50 Jahre erhöht. Tschechien will sein ältestes Atomkraftwerk am Standort Dukovany sogar bis zu 80 Jahre lang laufenlassen. Das Unfallrisiko in Europa, das muss nüchtern konstatiert werden, steigt angesichts der Überalterung des Kraftwerksparks.

Die USA ‌und die Slowakei haben ohne jede Ausschreibung ein Abkommen zum Ausbau der Atomkraft unterzeichnet. Kernstück ‌der Vereinbarung ist der Bau eines neuen Reaktorblocks am bestehenden Kraftwerksstandort ⁠Jaslovské Bohunice. Der geplante ​Block soll sich vollständig in Staatsbesitz befinden. Den Zuschlag bekommt der US-Anlagenbauer Westinghouse: Kostenpunkt 13 bis 15 Mrd. Euro. Bisher ist unklar, wie die Regierung in Bratislava den Bau finanzieren will. Auch in Polen soll an der Ostseeküste bei Lubiatowo-Kopalino ein AKW entstehen, mehr als 40 Mrd. Euro soll der AKW-Komplex mit drei Kraftwerksböcken kosten, die EU erlaubte Ende letzten Jahres dem polnischen Staat, den Bau eines Atomkraftwerks zu bezuschussen. „Es kann nun mit Vollgas gebaut werden – und zwar noch im Dezember“, sagte Donald Tusk. Die Reaktortechnologie kommt – natürlich – von Westinghouse, die Nummer vier in der Welt der Reaktorbauer, nach Areva, Atomstroiexport und Toshiba.

Pro-Atom- Stimmung

Die Pro-Atom- Dauerdebatte wird von großen Zeitungen und Zeitschriften wie dem Spiegel, der ZEIT, der Welt und des Focus angefacht, gespickt mit den vermeintlichen, tatsächlichen und zweifelhaften „Erfolgsmeldungen“. Krieg, Krisen und Ängste sowie der „Energiehunger“ der KI befördern zudem „einfache Lösungen“. In einer Umfrage stimmten zuletzt 59 Prozent der Einschätzung Ursula von der Leyens zu, nur 34 Prozent der Befragten sind weiterhin konsequent gegen die Atomkraft.  Jüngstes Beispiel: die schwedische Klima- und Umweltministerin Romina Pourmokhtari träumt davon, dass Schweden ein „Atomkraft-Paradies“ wird – und der Staat geht finanziell in Vorleistung. Das Unternehmen Videberg Kraft, eine Vattenfall-Tochter, beantragte die angebotene staatliche Förderung, um am bestehenden AKW-Standort Ringhals bis 2035 drei bis fünf Mini-Reaktoren zu bauen. Doch nicht genug: der Staat will bei Videberg Kraft einsteigen. Und nun zieht der belgische Premier und Rechtspopulist Bart De Wever nach: die Stilllegung der belgischen AKW soll gestoppt werden. Der Betreiber, Engie de Belgium, hingegen warnt, man habe genug damit zu tun, die Reaktoren Doel 4 und Tihange 3 technisch so fit zu machen, dass sie bis 2035 weiter betrieben werden können. Der ökonomisch absurde Clou: der Betreiber Engie ist raus, der Staat übernimmt alle AKW. Die stammen aus den 1970er und 1980er Jahren und befinden sich zum Teil bereits im fortgeschrittenen Stadium des Rückbaus. Darunter ist der umstrittene Reaktor Tihange 2, der 2023 abgeschaltet wurde.

Angeblich bringt die Atomkraft Energiesicherheit, so als sei Uran eine einheimische Energiequelle. Angeblich sei die Atomkraft ein Instrument zur Senkung des CO 2 – Ausstoßes. Ab und zu blitzt in den reißerischen Artikeln zwar auf, dass die Kosten immens und im Vergleich zu den Regenerativen ein Aberwitz sind und dass der sporadische Bau einiger weniger Atomkraftwerke kein Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise ist. In Fachkreisen ist die Rede von einem – ökonomischen – Paradoxon. EnBW-Ceo Georg Stamatelopoulos, selbst Kraftwerksingenieur, rechnet deshalb mit der Atomkraft ab: „Zu teuer, zu unreif“.

Faktencheck nicht erwünscht oder egal

404 Atomkraftwerke waren im Januar 2026 am Netz. Neu ans Netz gingen im vergangenen Jahr lediglich vier Reaktoren – davon zwei in China und jeweils ein AKW in Indien und Russland. Sieben AKW gingen vom Netz, listet der  World-Nuclear-Industry-Status-Report-2025 auf. Dass etwas mehr Elektrizität als im Jahr zuvor durch Atomkraft produziert wurde – insgesamt weniger als 10 Prozent – liegt allein daran, dass

China seit 2005 insgesamt 51 Reaktoren ans Netz gebracht und keine Reaktoren abgeschaltet hat. „Außerhalb von China stagniert die Atomkraft, aber ihre großen Probleme wachsen: das weitestgehend ungelöste Atommüll-Problem und immer mehr Altreaktoren, die viel länger laufen als ursprünglich geplant. Dieser Überalterungsbetrieb ist zwangsläufig mit zusätzlichen Risiken verbunden“, kommentiert Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) den Report.

Es wäre allerdings naiv, allein auf die aussiebende Kraft der Märkte zu vertrauen und auf die guten Argumente gegen die Atomkraft zu setzen. Die Unfallgefahren, die Abhängigkeit vom Ausland für den Brennstoff Uran, den Atommüll und die Vulnerabilität von Atomanlagen im Krieg. Die finanzstarken Big Tech Unternehmen setzen überwiegend für ihre Rechenzentren auf „geballte Energie“, Atomkraftwerke vor Ort und das mischt sich mit dem ideologischen rechten Rausch gegen alles, was „Öko“ ist, gegen Sonne und Wind – „die Windräder der Schande“.  Das nimmt Fahrt auf, aber wird sich in Grenzen halten.

Atomkraftland USA

Die USA sind mit 94 Reaktoren, die etwa 18-20 % des Stroms liefern, weltweit führend, darunter sind viele ältere Anlagen, das Durchschnittsalter beträgt 40 Jahre und mehr. Die US-Regierung will jetzt mindestens 80 Milliarden Dollar in neue AKWs investieren und zielt auf den Bau von zehn großen Blöcken bis 2030 ab, wobei Westinghouse als Hauptakteur gilt. Das Ziel sei es, die Kernenergiekapazität der USA bis 2050 auf 400 Gigawatt zu vervierfachen, um den steigenden Strombedarf zu decken.

Big Tech mit Big Money setzt eher auf die „kleineren Anlagen“ (SMR). Ohne Big Money aber ist das offensichtlich kein gutes Geschäftsmodell. Ein geplanter Atomkraftwerksbau aus sechs Minireaktoren am Idaho National Laboratory ist gescheitert. Grund dafür waren explodierende Kosten.

Big Tech und big Energy

Die US-Atomaufsichtsbehörde gab Terrapower von Bill Gates, dem Begründer von Microsoft, grünes Licht für den Bau eines natriumgekühlten Reaktors mit hochangereichertem Uran. Bemerkenswert an dem milliardenschweren Bauprojekt in Kemmerer, Wyoming – etwas südlich der Nationalparks Teton und Yellowstone – ist die erstmalige Genehmigung einer Anlage, die mit einem speziellen, höher angereicherten Uran-Brennstoff betrieben werden soll. Die Inbetriebnahme des natriumgekühlten Reaktors mit einer Leistung von 345 Megawatt ist für die frühen 2030er Jahre vorgesehen. Vorerst verfügt Terrapower nur über die Baugenehmigung. Den Antrag für die Bewilligung der tatsächlichen Inbetriebnahme will das Unternehmen 2027 oder 2028 bei der NRC einreichen.

Microsoft reaktiviert das 2019 stillgelegte konventionelle AKW Three Mile Island in Harrisburg, Pennsylvania, für ein Rechenzentrum. Meta (ehemals Facebook) hat ebenfalls mit Terrapower den Bau von SMR vereinbart, die ab 2032 Strom liefern sollen. Über das größte UW-Energieunternehmen Vistra sicherte sich Meta Strom aus bestehenden AKW in Ohio und Pennsylvania, darunter Perry, Davis-Besse und Beaver Valley. Amazon beteiligt sich am Nuklear-Start-up X-Energy am Bau von vier SMR, die geplante Inbetriebnahme soll Anfang der 2030er Jahre erfolgen. Allein Apple konzentriert sich stark auf 100 % erneuerbare Energien für seine Cloud-Dienste.

Um die ökonomischen Dimensionen zu veranschaulichen, um die es hier im Unterschied zur bekannten herkömmlichen Nutzung der Atomkraft zur Stromerzeugung geht: Der Marktwert von Apple zum Beispiel lag 2024 bei 3,8 Billionen Euro – zum Vergleich: das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Bundesrepublik lag da bei 4,3 Billionen Euro. Flapsig könnte man sagen, Big Tech zahlt diese Reaktoren aus der Portokasse.

Weltweit bisher nichts wirklich in Sicht

Das Kürzel SMR steht für kleine Reaktoren mit einer elektrischen Leistung von bis zu 300 Megawatt. Wenn SMR einen signifikanten Beitrag zur Stromerzeugung leisten und einen Beitrag zur CO2-Reduktion leisten sollten, müssten viele tausend bis zehntausend SMR-Anlagen gebaut werden. M steht für modular, die SMR-Ökonomie setzt auf eine Serienfertigung und nicht auf den punktuellen Einsatz an KI-Rechenzentren, wie es jetzt geplant ist. Doch davon ist man weit entfernt und das ist auch nicht absehbar, weil die Regenerativen weltweit auf dem Vormarsch sind und nur vereinzelt Atomkraftwerke – konventionelle oder kleine – geplant und vielleicht errichtet werden, während gleichzeitig die alternden AKW sukzessive vom Netz gehen und damit die Zahl der AKW weltweit bestenfalls stagniert, wie es der World Nuklear Report seit Jahren dokumentiert.

Aus der Rolle fällt das Deep Fission Pilotprojekt in Kansas. Das gleichnamige Start-up-Unternehmen will einen Druckwasserreaktor bauen, der klein genug ist, um in ein 1,6 km tiefes Bohrloch zu passen. Ein verbrauchter Reaktor bleibt unter Tage, würde versiegelt und ein neuer könnte draufgesetzt werden, so wäre man auch den Atommüll los. Das muss man im Blick behalten, weil in den USA die Pläne reifen, Atommüll in tiefen Bohrlöchern (Deep Borhole) zu versenken und nicht wie in Europa in einer tiefengeologischen Deponie zu lagern.

Bisher gibt es laut der internationalen Atomenergieorganisation OECD lediglich drei SMR-Anlagen: den HTR-PM (China, kommerziell in Betrieb seit 2023) Kernkraftwerk Shidaowan (石岛湾核电站) gern als Kraftwerk der 4. Generation gerühmt mit der Kugelhaufentechnik, die in Deutschland Hamm-Uentrop gescheitert ist und die Akademik Lomonossow (Russland, 2020). In ihrem SMR-Dashboard führt sie noch eine dritte Anlage an: den Hochtemperaturreaktor High Temperature Engineering Test Reactor im japanischen Oarai, rund 100 Kilometer nördlich von Tokio. Weitere fünf Anlagen sind demnach weltweit im Bau.

Von einer Renaissance der Atomkraft kann also nicht die Rede sein. Greenpeace-Campaigner und Report-Mitautor Jan Haverkamp kommt auf rund 120 Start-ups in diesem Segment, schätzt aber, dass weit über 90 Prozent scheitern werden, rein kommerzielle Projekte hätten ohnehin keine Chance zu überleben. Im Blick hat er dabei auch militärische Mikroreaktoren von Westinghouse und EdF Nuward. In Frankreich bereitet der staatliche Energiekonzern EdF in seinen beiden Reaktoren des (zivilen) Atomkraftwerk Civaux aktuell Testphasen zur Herstellung von Tritium vor. Das radioaktive Isotop wird für die Produktion von thermonuklearen Sprengköpfen benötigt. Das ist die größte Gefahr.

 

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Wolfgang Ehmke

Wolfgang ist langjähriger Pressesprecher der BI.