„Lügen muss man Beine machen“ – Zum Tode von Marianne Fritzen

Der wichtigste Platz für Marianne Fritzen war in den letzten Jahren das Gorlebener Gebet. Am Sonntag kamen dann auch viele im Anschluss an das Gorlebener Gebet, das im Wald in Sichtweite des Stacheldraht bewehrten Zauns und der unsäglichen Mauer rund um das „Erkundungsbergwerk Gorleben“ jeden Sonntag seit über 25 Jahren stattfindet, in den Trebler Bauernstuben zusammen zu einem Trauercafé. Das Gorleben Archiv e.V. und die Bürgerinitiative Umweltschutz hatten dazu eingeladen.

Persönliche Erinnerungen wurden ausgetauscht, Mails von Marianne sehr persönlicher Art, aber auch Texte, die sie verfasst hat, wurden vorgetragen.

Einer, der so treffend wie kein anderer war, stammt von Pastor Adler. Wir geben ihn hier im Wortlaut wieder:

„Jaaa!?“ Wenn Marianne Fritzen einer Einschätzung von mir nicht folgte, kam nicht sofort Widerspruch. Sie dehnte ein fragendes „Ja??“, sah mir in die Augen und ich wusste, hier musst du noch Überzeugungsarbeit leisten oder besser: dich und deine Überzeugung selbst prüfen. Und dann war da noch dieses „Sie müssen aber auch mal…“, oder „Sie müssen aber noch…“.

Stets ein Aufgabenpaket unter dem Arm und im Kopf, konnte einen diese Frau nicht einfach gehen lassen. Sie wusste zu viel, hatte zu viel gesehen und erfahren. Und alles war in ihrem wachen Verstand konzeptionell verdichtet und drängte zur Tat.

Es blühten zu viele Verbesserungsvorschläge in ihrem Herzen, als dass sie einen hätte einfach nach Hause gehen lassen können. Die Welt musste bewegt und verändert werden. Es gab viel Anlass zu Widerstand und Protest. Der Mainstream, wie man heute sagen würde, war ihr suspekt. Sie sah überall Gelegenheit, Barrikaden zu errichten, gegen die Unvernunft der Masse, gegen die Gier der Profiteure und gegen das Establishment auf überörtlicher und lokaler politischer Bühne. Solche Barrikaden mussten nicht aus Baumstämmen oder Strohballen oder Sand oder Steinen sein. Geist war ihr auch eine willkommene Masse, mit der Mensch Politik machen konnte. Sie konnte sich mit dem Megafon spontan vor eine große Menge stellen und eine Überzeugung nach der anderen weitersagen. Sie konnte in kleinem Kreis auf den Strohballen hellwach und meisten kritisch-bissig kommentieren, was nicht in ihre Vorstellung von besserer Politik passte. Sie konnte aber auch irgendwie die Mutter sein, nicht nur die „Mutter des Widerstandes“ (wobei ich diese Metapher schon ein wenig respektlos empfinde), sondern auch die des zweifelnden Bürgers, der sich bei herannahender Polizeiübermacht ängstlich fragte, ob er bleiben sollte oder der zweifellos nahenden Konfrontation mit den sog. „Ordnungsmächten“ ausweichen.

Natürlich sollte er bleiben, so die klare Orientierung von Marianne Fritzen. Natürlich, denn alles andere wäre Verrat an der gemeinsamen Sache. Gorleben war für sie eine in Hinterzimmern und Hintergrundgesprächen ausgeheckte Sauerei. Nicht zu verantworten. Nicht vernünftig und schon gar nicht legitim. Darum musste es ja auch mit Gewalt durchgeprügelt werden, weil das Konzept eine einzige Lüge war. Und nur die Wahrheit bahnt sich selbst ihren Weg, Lügen muss man Beine machen, notfalls mit Polizei und Staatsanwaltschaft. Lügen jedweder Art werden es ohne diese Frau nun leichter haben. Da ist jemand gegangen, den man nicht so leicht täuschen konnte.

Und so hoffe ich, dass viele sich berufen fühlen, ein Aufgabenpaket von Marianne auf- und anzunehmen. Als Erbe, als Zumutung und als Hoffnungspaket im Namen dieser Kämpferin. Zu ihrem Leben allerdings gehört kein langgedehntes, fragendes Ja, sondern eines mit einem dicken Ausrufezeichen!

Rolf Adler
Umweltbeauftragter der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

6.10. – Hambacher Forst

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