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Ver-rückte Welt

Den Anfang macht bekanntlich die ZEIT mit einem Gastbeitrag des „Nuklearia“- Chefs Rainer Klute, nun zog das Nachrichtenmagazin SPIEGEL nach – „Forscher erfinden das AKW neu. Rettet uns die Kernkraft vor dem Klimakollaps?“ Auf sieben Seiten geht es munter durcheinander: Mal sei es ein Fehler gewesen, auf die Atomkraft zu verzichten, die plötzlich völlig CO2 frei ist und vielleicht auch gar nicht so teuer, wenn man kleine Reaktoren vom Fließband produziert. Dann werden weltweit Meinungen eingesammelt, die in der Nutzung der Atomenergie einen Beitrag gegen die Erderwärmung durch die Verbrennung fossiler Energieträger sehen. Geschmückt wird das mit einem Bild von einer FFF-Demo, auf der sich die „Nuklearianer“ eingereiht hatten und ihr Banner hochhalten.

Fast zynisch klingt diese Passage, in der „Schätzungen zufolge“ jährlich etwa 800.00 Menschen durch den Kohlerauch“ sterben (…) Gleichzeitig würde der hoch radioaktive Müll, den Deutschland künftig endlagern muss – etwa 10.000 Tonnen -, in einen großen Möbelmarkt passen.“

Da muss man schon einmal schlucken. Ich habe nichts gegen Denkanstöße, auch nichts gegen eine paradoxe Intervention. Doch ich habe etwas gegen das Aufrechnen von Toten und ich bin entsetzt, wenn ein Nachrichtenmagazin, das als seriös gilt oder gelten möchte, seitenlang einen derartig verquirlten Unsinn verbreitet, dann stellt sich die Frage, warum oder warum jetzt? Geht es um die Steigerung der Verkaufszahlen? Geht es um eine Stimmungsmache, weil gerade in der EU darum gerungen wird, die Atomenergie mit weiteren Fördermitteln über Wasser zu halten und subventionieren zu können? Oder geht es wirklich um die Bedrohungen für diesen Planeten?

Ausgerechnet die BILD hält dieser Tage dagegen und titelt „Fauler Klima-Kompromiss bei EU-Gipfel – Atomkraft-Irrsinn sofort stoppen!“ (…) Deutsche Umweltpolitiker fordern zu Recht, jede Hintertür für diesen Irrsinns-Plan zu schließen. Und zwar bitte, bevor fürs Vertrauen in die neue EU-Führung der Super-GAU eintritt.

Eingerahmt in diesen wirren Beitrag, der in bester Werbemanier die Reaktorentwicklungen der US-Firma Terrapower anpreist, liest man ein Interview mit Steven Pinker, der laut SPIEGEL zu den „weltweit bekanntesten Kognitionspsychologen“ gehört und der nicht einmal in der Lage ist, epidemiologische Studien über die Langzeitfolgen der Reaktorkatastrophen von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima in sein Argumentationsschema aufzunehmen. Das, was er sagt, muss man in voller Länge auf sich einwirken lassen, so heftig erinnert es an die alten Zeiten:

Pinker: Genau. Von den drei schlimmsten Unfällen in der Geschichte der Kernenergie war nur einer tödlich. Bei Harrisburg im Jahr 1979 starb niemand. Die Toten in Fukushima sind nicht auf Strahlung, sondern auf den Tsunami und die Evakuierung zurückzuführen. Beim Unfall von Tschernobyl starben 31 Menschen, und in der Folge, je nach Schätzung, mehrere Tausend oder gar Zehntausend Menschen an Krebs. Diese Zahl verblasst jedoch gegenüber den vielen, vielen Menschen, die durch dreckige Luft aus Kohlekraftwerken an Atemwegsleiden oder Krebs erkranken und vorzeitig sterben – Kohle tötet weit über eine halbe Million Menschen, jedes Jahr.

SPIEGEL: Sie rechnen diese Toten gegeneinander auf. Lassen sich die Zahlen wirklich vergleichen?

Pinker: Ja, sicherlich. Sie können zwar nicht für jeden Kohletoten ein bestimmtes Kraftwerk verantwortlich machen, aber genauso wenig können Sie jeden Krebsfall eindeutig auf Tschernobyl zurückführen. Epidemiologen können die Fallzahlen für eine Gesamtbevölkerung statistisch solide berechnen. Wir reden hier nicht von Schätzungen, das sind reale Todesfälle.

SPIEGEL: Was ist mit Wasserkraft oder Solarenergie? Die sind doch von Grund auf sicher?

Pinker: Das würde man denken. Aber Sie unterschätzen, wie viele Menschen bei Dammbrüchen sterben. Oder von Dächern stürzen, während sie Solarzellen installieren. Weltweite Zahlen kenne ich dazu nicht, aber es sind keine Einzelfälle (…)

Nun ist die Debatte entfacht und wir werden sehr sorgfältig die „neuen“ Reaktorkonzepte unter die Lupe nehmen müssen, um eine Renaissance der Atomkraft zu verhindern.

Heute nur so viel: einer vorsichtigen und wachsenden Bereitschaft, in der Atommülldebatte auch konstruktiv mitzuwirken, liegt der gesetzlich festgezurrte Atomausstieg zugrunde. Dabei ist selbst auf diesem Feld so einiges „unbestellt“ – dass die Urananreicherung in Deutschland nicht verboten wurde ebenso wenig wie die Brennelementfertigung, dass der Schacht Konrad durchgewunken werden soll, dass unklar ist, was aus Gorleben wird …Sollte der Atomausstieg erneut in Frage gestellt werden, wären die alten Grabenkämpfe eine unmittelbare Folge.

+ Nuklearia, eine Vereinigung, die den Atomausstieg in Deutschland rückgängig machen möchte

Wolfgang Ehmke

Wolfgang Ehmke

Wolfgang ist langjähriger Pressesprecher der BI.