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„Alles schreit nach Umkehr!“

Der Hagenmarkt in Braunschweig ist ein unwirtlicher Ort. Der Platz wird umrahmt von mehrspurigen Straßen, es ist ein zerfurchter Rasen, keine Büsche, Bäume – trostlos. Allein die Konditorei „Süßes Leben“ am Rande des Platzes lädt zum Verweilen ein. Doch seit einiger Zeit tut sich was: Ein Bauwagen steht dort. Rot-weißes Absperrband teilt einen Teil des Platzes ab. Am Bauzaun prangt in großen Holzbuchstaben „Reallabor Hagenmarkt“. Und eine Hütte wurde errichtet. Fachwerk mit Lehmwänden, Schafswolle als Dämmung. Sie dient als Ausstellungsort und bietet Schutz. Heute regnet es in Strömen, doch es wird überall gewerkelt, diskutiert.

„Möchtest du ein Stück Kuchen, ein Glas Sekt?“ werde ich gefragt. Ich zögere nicht lange. Eine Gruppe Studierender der TU Braunschweig hat dort Skizzen ausgestellt, die ihr Projekt beleuchten. Erkenntnisse aus dem Seminar „Traditionelle Bauweisen“ wenden sie dort an und Objekte aus verschiedenen traditionell geprägten Baumaterialien, wie zum Beispiel Lehm oder Schilf, werden erstellt. „

Mit dem Reallabor Hagenmarkt möchten wir die aktuellen Fragestellungen des klimaneutralen Bauens für die Studierenden erlebbar machen und in die Stadt tragen“, sagt mir eine Dozentin. „Wir als Institut für Bauklimatik und Energie der Architektur beschäftigen uns mit Stoffströmen im Bauwesen und der Interaktion von Gebäudehülle und Raum. Dabei sollen beim Reallabor Hagenmarkt das Verwenden recyclingfähiger Baustoffe sowie die traditionellen Bauweisen im Vordergrund stehen.“

Drei Institute der Technischen Universität Braunschweig bespielen den Platz temporär und machen ihn zum Ausstellungs-, Diskussions- und Lehrort für die Zukunftsthemen Nachhaltigkeit, Suffizienz und Resilienz. Überdachte Sitzgelegenheiten, die an ausgediente Rikschas erinnern, umrahmen den Platz.

Pflanzenballen, Büsche, Bäume…Das erinnert nicht nur, das könnte Urban Gardening sein. Und richtig. Eine Studierende sagt mir, die ersten Zucchini hätten sie schon geerntet. Mais, Bohnen, Rhabarber wachsen dort in Hochbeeten, aber leider sei das Projekt zeitlich begrenzt, deshalb dürften sie die Bäume nicht einpflanzen. Wie ärgerlich, denke ich. „Hoffentlich können wir einiges ernten, bis das Projekt vorbei ist“. Die Konditorei von gegenüber hat schon auf das neue Leben dort reagiert, schon eine Espressomaschine in das Lehmhaus rüber geschafft und macht mit. Schade drum, wenn das nur ein Versuchsraum bleibt, kein neuer Park und Überlebensraum wird. Mit einer Presse werden Autoreifen verformt, die daraus entstehenden skurrilen Skulpturen sind das Ausrufezeichen auf dem Markt gegenüber dem brausenden Verkehr.

In Sichtweite zum Hagenmarkt stellen Lehrende und Studierende unter einer Arkade, die vor dem strömenden Regen schützt, aus zerschlissenen T-Shirts und Unterhemden Pflanzenampeln her. Hier sind die Leute vom GTAS, vom Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der Stadt. Die Pflanzenampeln waren natürlich nur ein Teil eines Open Air Reparaturworkshops mit Gesprächen über Konsum. Am Beispiel von Kleidung und der Modeindustrie wurde versucht, das „richtige Maß“ zu definieren. Wie viel brauchen wir wirklich? Wie viel können wir uns (noch) leisten? Gäste waren Britta Steven (TransitionTown BS), Werner Busch (Pfarrer, Katharinenkirche), Astrid Hilmer (reka eV), Julia Eschment (Modedesignerin, nähwerk), Cindy Tietge (Protohaus Makerspace).

Der Pfarrer beteiligt sich am Upcycling und dachte schon an die kalte Jahreszeit, beklagte die hohen Heizkosten. Er musste sich einige Vorschläge anhören, dass man auch in kleinere Räume im Gemeindehaus wechseln könnte. Oder ob Wärmflaschen und Decken nicht eine Lösung wären, statt die Kirche für wenige Gläubige und die Andachten aufzuheizen.

Es dreht in der Lehre im Kern um nichts weniger als den Klimanotstand selbst. In vielen unterschiedlichen Formaten werden am und um den Hagenmarkt herum Theorien, Prinzipien und Formate erforscht und erprobt, die sich mit den ethischen Anforderungen an eine nachhaltige Bau- und Planungspraxis auseinandersetzen, heißt es in der Projektbeschreibung. „Zusammen mit Studierenden suchen wir nach ganzheitlichen Antworten, die die Verbundenheit von Akteurinnen und Akteuren, Kräften, Prozessen und Erzählungen vereinen“, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Licia Soldavini, die das vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur Niedersachsen finanzierte Forschungsprojekt „Kollaborative Intelligenz betreut. „Dabei wollen wir immer die Wechselwirkungen zwischen globalen Wirkungen und lokalem Handeln im Blick haben. Denn alles, was jede und jeder Einzelne von uns tut, wie wir uns verhalten und welche Entscheidungen wir treffen, hat Konsequenzen für andere und anderes“, ergänzt Professorin Dr. Tatjana Schneider.

An drei Wochenenden im Juli bietet das Institut in Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern, Pflanzenforschenden, Aktivistinnen und Aktivisten und vielen anderen Menschen Begegnungs- und Austauschformate an, um diese Themen in gemeinsamen Aktivitäten weiter zu erforschen.

Der Austausch am nächsten Tag führt nach Remlingen. Mit der Bahn geht es zunächst nach Wolfenbüttel, mit dem Fahrrad weiter bis Remlingen. Das Wetter spielt mit. Die Regenfront ist vorübergezogen. Auf ihrem Hof in Remlingen begrüßt Heike Wiegel die beiden GTAS-Dozentinnen und die die Studierenden. Peu à peu kommen Mitstreiter:innen ihres Vereins Aufpassen e.V. hinzu, alles Menschen, die sich seit Jahrzehnten mit der Asse II befassen. Sie haben aufgedeckt, dass in dem ausgedienten Salzbergwerk jahrelang Atommüll illegal gelagert wurde. Zu über 70 Prozent der Abfälle stammen aus dem Atomkraftwerk Obrigheim. Die wurden im Forschungszentrum Karlsruhe schlicht umdeklariert. Fortan galt der Stoff als Forschungsmüll. Insgesamt liegen unter Tage in 12 Kammern rd. 110.000 Fässer mit schwachaktiven Abfällen und 16.000 Fässer mit mittelaktiven Abfällen. Im Garten wird munter diskutiert, gepicknickt und die frisch gedruckte Broschüre von „Aufpassen“ e.V. studiert. Dass der Müll aber wieder geborgen werden muss, hat mit dem zuströmenden Wasser zu tun. Täglich sind das in etwa 14.000 Kubikmeter. Was die Aktivist:innen vor Ort quält: die Bergung dauert zu lange, vielleicht hofft so mancher in den Chefetagen und Ministerien, dass das Bergwerk absäuft. Und: wenn der Müll wieder geborgen wird, soll er, solange es kein Endlager gibt, direkt vor ihrer Haustür oberirdisch aufbewahrt werden.

Mit dem Fahrrad geht es hinein in den Höhenzug Asse und einmal drumherum ums Bergwerksgelände mit dem historischen Kauengebäude aus dem Jahr 1908 und dem modernen Förderturm.

Das ist sportlich. In den kleinen Verschnaufpausen gibt es weitere Infos. Oscar Choque vom Verein Ayni e.V. in Dresden berichtet über die Folgen des Lithiumabbaus in Bolivien, am größten Salzsee der Welt. Lithium ist ein begehrter Rohstoff, er wird für Lithium-Ionen-Akkus benötigt. Die stecken nicht nur in Handys und Laptops, sondern auch in Elektroautos. Ohne Lithium keine E-Mobilität – und nirgends auf der Welt werden mehr Reserven vermutet als hier, auf dem Dach der Anden. „Über die Umweltfolgen aber redet niemand“, gibt Choque zu bedenken. Der Abbau ist ein unglaublich wasserintensiver Prozess mit gravierenden Folgen für die Umwelt. Alles geschieht, damit in Europa die Elektromobilität vorankommt, statt eine Verkehrs- und Mobilitätswende voranzutreiben.“ Das wird leicht verdrängt. „Alles schreit nach Umkehr!“, entfährt es einer Studentin. Wie recht sie hat.

Ich selbst schloss unmittelbar daran an. Eingeladen als Gorleben-Aktivist und Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.  „Atomstrom ist nicht sauber“, diese Erkenntnis ist mir wichtig. Zunächst müsse Uranerz gewonnen werden. Riesige Mengen Abraum werden bewegt, überwiegend auf Gebieten indigener Völker. In Afrika ist ein ganzes Land, der Niger, nichts anderes als eine Kolonie der französischen Atomkonzerns Areva, der dort die Schürfrechte hat. Der Rohstoff wird konvertiert und dann angereichert. „Wir gucken immer nur auf den Reaktorbetrieb und den Atommüll, aber man muss den Kreislauf insgesamt betrachten, der am Ende keiner ist. Den Dreck und den Krebs haben Menschen im Tagebau, wir haben den „sauberen Strom“. Am Ende geht es zurück in den Berg, wie in der Asse II, und dann gleich wieder nach oben, weil er dort nicht sicher liegt.“ Selbst wenn ein Bergwerk neu aufgefahren wird und nun in einem vergleichenden Verfahren der bestmögliche Standort für ein Endlager gesucht wird, bleibt das Problem: Es kommt über Gas- und Wasserwege, Rinnsale und Punktwolken immer was raus. Dazu komme das Problem, dass man bei der Tiefenlagerung Warnungen an die Nachwelt formulieren müsste: Achtung, giftig und radioaktiv. Die Forschung ist da stecken geblieben, wie es möglich sein kann, über Zehntausende von Jahren diese Botschaft zu vermitteln. Vielleicht wäre das ja auch eine Projektidee für das GTAS.

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Fotos Wolfgang Ehmke

Wolfgang Ehmke

Wolfgang ist langjähriger Pressesprecher der BI.